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Lieber Einsender ...
Ihre Bewerbungsunterlagen sind ein Designer-Glanzstück. Sie haben Ihre Präsentation aufwendig und liebevoll gestaltet. Doch ich muss auch gestehen, dass ich kein Freund groß angelegter Mappenwerke bin. Neun Seiten für Lebenslauf und Berufliche Ziele das sind mindestens sechs Blätter zuviel!

Lesbarkeit, Übersichtlichkeit, Prägnanz
Ich habe (als zeitlich überlasteter Geschäftsführer) eher ungehalten reagiert, wenn ich mich durch Papierstapel quälen oder gar Informationen aus mehreren Seiten zusammensuchen musste. Wer beruflich Bewerber sichtet, der schätzt an Unterlagen neben Lesbarkeit und Übersichtlichtkeit vor allem Kürze.

Wir Büromenschen entwickeln ja für jedes neue Techno-Wunder, ob Kopie, Fax, Voice-Mail, E-Mail oder Seitenticker, noch vor der Mittagspause den passenden Abschirmfilter schon aus schierem Überlebensinstinkt. Vergessen Sie deshalb nicht: Im Zeitalter des Info-Overkills gewinnt, wer zu dosieren versteht.

Verkaufsargumente
Mein zweiter Einwand: Mit verschwenderisch gestalteten Mappen stilisieren Sie sich selbst zum Objekt. Immobilienmakler, Dienstleister, Firmen versenden clever gestyltes Material. Ob Abschreibungsobjekte, Maschinenanlagen, Managementtrainings - alles wird gleich opulent aufgeputzt und verpackt. Vortragende lassen sich für Meetings ihre Folien aufmotzen - weit über die üblichen Powerpoint-Clipartigkeiten hinaus. Eine ganze Branche lebt vom Drucken, Binden, Arrangieren. Zweck des Ganzen: Zu verkaufen.

Sie werden einwenden, dass dies ja genau der Punkt ist. Geschicktes Selbstmarketing und gelungene Selbstpräsentation schaffen allemal Wettbewerbsvorteile gegenüber den nicht ganz so geschickten, nicht ganz so selbstbewussten Mitbewerber. 

Nicht unbedingt.

Leser lassen sich nicht blenden
Beachten Sie, dass die Informationsaufnahme bei der Sichtung von Bewerbungen weitgehend schematisierend und automatisiert abläuft. Zuviel an formaler Stilisierung, zu individuell und unkonventionell arrangierter Inhalt wirken schnell nur als Störung. Wenn Kandidaten zu sehr die Form betonen, geraten sie obendrein leicht in Verdacht, dass sie damit bloß einen Mangel an Argumenten kaschieren.

Überzeugende Bewerber treten als attraktive Kooperationspartner auf. Das starke Signal, das beim Empfänger gut ankommt , heißt: "Verhandeln wir" - und nicht: "Kauf mich". 
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Nutzloses Deckblatt
Wie sinnvoll ist ein (graphisch noch so hervorragend aufgemachtes) Deckblatt, das im Titel "Bewerbungsunterlagen für ..." verkündet und dann, weiter unten, Namen und Bewerberanschrift aufführt? Die Textinformationen selbst sind redundant. Als Schmutzblatt taugt das Papier nur, wenn es nicht von Klarsichtfolie oder Schnellhefter eingeschlossen wird. Der beabsichtigte Aha-Effekt geht so ziemlich verloren, denn das erste, was Empfängern in die Augen fällt, dürfte (und sollte auch) das Anschreiben sein.

Auf dem zweiten Blatt arrangieren Sie unter der Namenswiederholung einige persönliche Angaben über Geburtsdatum und -ort sowie den Familienstand. Darunter fügen Sie das aktuelle Datum ein. Die Schrift Arial in 13 und 14 Punkt ist großzügig bemessen. Dennoch bleiben drei Viertel des Blattes weiß - was verdammt gut aussieht, aber verdammt wenig Sinn macht.

Die folgende Seite leiten Sie dann im Moderatorenstil ein: "...kurz zu meinen Erfahrungen und Zielen...". Das ist weder notwendig noch angebracht die professionellen Begutachter Ihrer Daten lassen sich eben nicht steuern (oder einwickeln) wie die Zuhörerschaft eines Vortrags.

Titelsucht
Das nächste Blatt gilt exklusiv dem Inhalt Ihrer Biographie:

Inhalt
Lebenslauf
Berufstätigkeit
o Seit Studienende
o Parallel zum Studium
Weiterbildung
o Rhetorik und Kommunikation
o Methodik
o Qualitätssicherung
o Praxisbezogene Seminare
Sprachen
PC-Erfahrung
o Software-Anwendungen
o Programmier-Erfahrung
Hobbies
Zeugnisse

Was darf man da erwarten? Ein Handbuch? Einen Karriereführer? Es folgen immerhin fünf Seiten mit zu detailliert, zu ausführlich geratenen biographischen Daten. Als Fachkraft mit erster beruflicher Erfahrung brauchen Sie nicht mehr auf jede Studienarbeit, auf jedes Praxissemester penibel eingehen.

Die Gewichtigkeit von Argumenten steht in keinem Verhältnis zum Papiergewicht ihrer Darbietung. Erstaunt es Sie, zu erfahren, dass Lebensläufe immer kürzer werden, je weiter oben eine(r) auf der Karriereleiter steht? Von der Startposition weg befinden Sie sich bereits im Mittelfeld. Sie brennen zu beweisen, dass Sie auch neue Herausforderungen meistern. Zeigen Sie Ihre Krallen, aber dosieren Sie Ihre Kräfte.

Und beweisen Sie Maß. 

Wer darf mit dicken Mappen protzen?
Dürfen wenigstens Top-Verkäufer eine Seitenschau abziehen? Versicherungsmakler? Web Designer? Noch nicht einmal, wenn man sich bei Papierfabriken bewirbt. Wer eine zu dicke Mappe riskiert, empfiehlt sich letztlich bloß als Leiter(in) eines Egozentrums.
Solche vielseitige BewerberInnnen werden eigentlich nur von Staatlichen Oberschulämtern geliebt. Dienstjubilare sollen dort an KuMis Geburtstag handgeschnittene Telefonnotizblöcke aus einseitig bedrucktem Schreibmaschinenpapier erhalten...

Und dorthin bewirbt man sich auch nicht. Ich empfehle Ihnen deshalb , Ihre Strategie noch einmal zu überdenken. Auf Ihre Antwort freut sich Ihr Bewerbungshelfer
30.5.98/4.8.2002
© Gerhard Winkler. Hinweis: Meine Site jova-nova.com ist neutral und unabhängig. Damit es so bleibt, bitte ich Sie, jova-nova.com zu fördern. Empfehlen Sie mich weiter. Mailen Sie mir vor allem auch Ihre Anregungen, Kommentare, Erfahrungen. Gemeinsam schlagen wir die Schema-F-Bewerber!

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