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Bewerbung - Praxisbeispiele
Ein paar Worte an junge Geisteswissenschaftler

Den Wechsel betreiben, den Wechsel begründen

Ahnungen, dunkle
Ihrer Organisation geht es nicht gut und Ihnen auch nicht. Ferne dunkle Wolken ziehen ein bisschen zu schnell in Ihre Richtung. Sich ducken ist da die übliche Überlebensstrategie. Sich ducken und gucken ist besser. Schauen Sie nach anderen Unternehmen und schauen Sie vor allem in andere Unternehmen hinein.

Ein Job ist nicht etwas, das man hat. Ein Job ist was, das einen bis zum nächsten Wendepunkt trägt.

Beleg
Lassen Sie sich sofort ein chromglänzendes Zwischenzeugnis ausstellen. Anlass: Sie möchten, dass Ihre Entwicklung in der Organisation und Ihre wachsende Übernahme an Verantwortung jetzt dokumentiert wird. Schließlich haben Sie sich ja überlegt: Wo stehe ich? Wo stehe ich in der Firma? Wie kann ich mich weiter entwickeln? Bessere Begründung: Sie sind so ein toller Vorgesetzter, ich möchte mir unbedingt von Ihnen eine Leistungsbeurteilung sichern. Oder Sie bemerken: Ich finde, ein Zwischenzeugnis zum jetzigen Zeitpunkt festigt das gegenseitige Vertrauensverhältnis und trägt zum besseren Kommunikationsklima bei.

Der ausformulierte Leistungsnachweis belegt Ihren Anspruch auf eine bestimmte Jobposition, weil darin Ihr Vorgesetzter Ihr alltägliches Handeln in einer vergleichbaren, zudem höchst aktuellen Aufgabenstellung beschreibt. Und weil es das leistet (sofern es ins Detail geht), ist ein Zeugnis immer auch eine sinnvolle Vorlage für jeden Anschreibentexter. Meinen kostenlosen Zeugnisgenerator finden Sie hier.

Branchenklatsch
Je mehr man sich kennt, desto mehr gibt's zu reden. Vielsagend ist es unter Branchenbrüdern und Marktschwestern allemal, wenn sich ein wichtiger Mitarbeiter oder gar mehrere Führungskräfte einer Organisation zeitgleich auf dem Jobmarkt zeigen. Darf man offen und ehrlich über die schwere Zeit in der Firma, über die Ursachen und Verursacher der Krise parlieren? Man darf nicht. Ihrem Arbeitgeber geht es ausgesprochen gut. Solange, bis die Insolvenzmeldung publik ist. Und auch dann geht es Ihrer Organisation den Umständen entsprechend gut.

Chance
Sichern Sie diskret, aber energisch und zielstrebig Ihre beruflichen Chance: Gehen Sie von sich aus auf Firmen zu, auf die Sie neugierig geworden sind oder die Sie schon länger beobachten. Hören Sie sich um, wo sich gerade Jobchancen eröffnen. Reaktivieren Sie alte Jobkontakte. Arbeiten Sie systematisch, Schritt für Schritt den Jobmarkt durch. Lauschen Sie nicht einfach ins Leere. Jobangebote tauchen nicht aus einem Nebel auf. Jobchancen verteilen sich auf Plätze der Gelegenheit. Diese Plätze sind lokalisierbar.

Diskretion
Wie diskret Sie vorgehen, hängt von der Exponiertheit Ihrer Position ab. Ihr Arbeitgeber darf allerdings noch nicht einmal von einer vagen Wechselstimmung erfahren. (Geschweige denn, dass Sie ihm mit Ihrem Abgang drohen.) Verzichten Sie auch darauf, sich im beruflichen Freundeskreis über konkrete Aktionen zu äußern. Schon Geheimrat Goethe wusste: Geheim heißt nicht, insgeheim alles preiszugeben. Was wirklich passiert, wenn das Flurgeflüster vom Abgang munkelt, ist stets noch um einiges schlimmer, als ich es Ihnen ausmalen könnte. Wer geht, verliert an Gewicht, Bedeutung, Respekt - ab dem Zeitpunkt, an dem die Umgebung davon erfährt.

Ich halte nichts davon, den Namen des aktuellen Arbeitgebers in Lebenslauf und Anschreiben schamhaft zu verschweigen. So weit oben ist man hierarchisch meist doch nicht angesiedelt.

Entwicklung
Rekrutierer begrüßen Jobsuchende nicht sehr begeistert, die eher vor etwas flüchten als auf etwas zu streben. Man weiß: Wer aus dem Regen kommt, dem ist erst einmal jeder Unterstand recht. Dass Sie bloß ein trockenes Plätzchen suchen darf niemand denken, der Ihnen zusieht oder der Sie begrüßt.

Prüfen Sie Ihr Wechselverhalten: Reagieren Sie auf Entwicklungen oder steuern Sie Entwicklungen? (Soweit eine Karriere überhaupt steuer- und planbar ist.) Als Wechselwilliger kommen Sie vom Karriereweg ab, wenn Sie sich nur bewegen, um auszuweichen, statt sich aktiv etwas vor zu nehmen: Zurück in eine Branche zu gehen. Sich in einer neuen Branche erproben. Sich im Organigramm der Zuständigkeiten neu positionieren. Einen Ort finden, der Ihrer beruflichen Entwicklung oder dem Wohl der Familie zuträglicher ist. Etwas zu leisten, was Ihnen bis jetzt verwehrt wurde. Etwas zu verwirklichen, wovon Sie träumen.

Und jeder Jobanbieter träumt, so was zu hören: Was meinem Einsatzwunsch im strategischem Marketing einer Berliner Wohnungsbaugesellschaft betrifft, kann ich nur sagen: So ein Arbeitsumfeld, so einen Berg an Aufgaben wie bei Ihnen habe ich mir genau so erhofft.

Erzählung
Jede Selbstvermarktung funktioniert als Erzählung über die besondere Befähigung für einen Job. (Die meisten Menschen sind jedoch keine geborenen Erzähler - und die meisten Consultants borgen sich ihre Phantasie bloß aus.) Der jedem Bewerber angemessene Erzählstil: idealisierender Realismus. Der in unserer Karriereprosa landesweit übliche Robot-Talk ist zu arm, um Sie als Hauptfigur Ihrer Bewerbungserzählung zu konturieren. Schlimmer noch: Die üblichen Anschreiben sind seelenlos. Dabei kann jeder Jobwechsler seine Geschichte spannend erzählen. Vor allem Personen, Namen, Orte sind Wirklichkeitspartikel: Rein damit!

Negatives
Ihr Wechselwille legitimiert nicht, dass Sie Ihren aktuellen Job, die Arbeitsumstände oder den Boss denunzieren. Sollten Sie sich so richtig auskotzen wollen, fahren Sie an den Randstreifen und suchen Sie das nächste Gebüsch auf. Ansonsten halten Sie eisern den Rand. Ihre Weigerung, vor Rekrutierern schlecht zu reden, noch nicht einmal andeutungsweise, erstreckt sich auf wirklich alles und jeden und insbesondere auch auf Sie selber.

Nach der Idee von Jobanbietern zeugt es von Reife und Einsicht, eigene Defizite offen einzugestehen. Nach dem Beispiel von Jobgewinnern zeugt es von mentaler Stärke, von Geistesgegenwart und von gesundem Selbstbewusstsein, das rituelle Abfragen negativer Ich-Aussagen zu unterlaufen. Sowieso darf ein jeder erfahren, wie Sie sind: Wozu jedoch vom Schatten sprechen, wenn da soviel Licht ist. Berichten Sie darum von Ihrer Geradlinigkeit, von Ihrer Handlungsfreude, von Ihrer Begeisterung für Ihr Fach und von Ihrem hohen beruflichen Ethos. Falls man einwendet, dass seien doch alles keine Schwächen, dann antworten Sie, Sie sind sehr froh, dass man das ebenso sieht.

Position, ungekündigte
Firmengekrisel, Jobgewackel, allseits düstere Prognosen sind nicht die Botschaft, die Sie als ein vom Jobhimmel in ein bedürftiges Unternehmen geschickter Wechselwilliger verkünden. Sie bewerben sich aus einer ungekündigten Position. Für Sie ist das ein Startplatz in der ersten Reihe. Machen Sie was draus. Nicht Ihr derzeitiger Arbeitgeber ist das Thema, sondern Ihre derzeitigen Aufgaben und Leistungen.

Präsentation
Sie fokussieren sich in Ihrer schriftlichen Präsentation auf Ihre alltäglichen Pflichten. Sie quantifizieren wenn möglich Ihre Leistungen und Erfolge. Sie veranschaulichen Ihre Jobkompetenz - alles stets ohne Firmeninterna zu verraten. Ihr Anschreiben hat eine Subbotschaft : Sie sind ein rundum loyaler Leistungsbringer. Sie sind jetzt bereit, Ihre Loyalität und Ihr Leistungsvermögen nach den Regeln der Zunft einem neuen Arbeitgeber zu verleihen.

Richten Sie Ihre Präsentation strikt an den Erfordernissen aus: Wo es nicht notwendig ist, ein Deckblatt zu machen ist es notwendig, kein Deckblatt zu machen.

Sichtung
Kommt Ihre Bewerbung einmal gut an, dann kommt sie auch anderswo gut an. Der Jobmarkt ist groß, die Gelegenheiten sind vielfältig. Sie haben immer noch Zeit, sich mit der gebotenen Sorgfalt sachkundig zu machen. Arbeitgeber sichten bloß Bewerber-Papier. Jobprofis sichten die lebendige Arbeitswelt. Es ist um so viel leichter, vorab zu bestimmen, ob eine Firma was taugt als zu klären, ob ein Bewerber was taugt.

Veränderungen
Vielleicht stehen betriebliche Veränderungen an. Das ist für Sie allemal ein Anlass, Ihre Optionen zu prüfen. Zu erfahren, was genau abläuft - in der Firma und in Ihrem Kopf - das liegt auch im Erkenntnisinteresse eines Rekrutierers. Plaudern Sie dennoch nicht aus dem Nähkästchen. Beiten Sie nicht aus, was Ihnen durch den Kopf geht. Drei Dinge sprechen Sie als Jobfinder gegenüber Rekrutierern niemals aus: Was Sie auf dem Herzen haben. Was Ihnen auf der Zunge liegt. Was Ihnen über die Leber gelaufen ist. Wer Verständnis sucht, findet keinen Job. Und in der Regel bedienen Plaudertaschen doch nur das eigene Bedürfnis nach Wichtigkeit.

Verbesserung
Vor allem im Gespräch präzisieren Sie Ihre Rahmenbedingungen. Sie stehen unter Vertrag und können es sich leisten, klar zu sagen, dass Sie sich verbessern und nicht verschlechtern wollen. Als Buchhalter geben Sie zu verstehen, dass Sie juristisch stets im grünen Bereich bleiben. (Verblüffend viele Finanzleute äußern unter der Hand ihre Angst, dass man sie im nächsten Job einmal mehr zum Mitmachen nötigt.) Als Leiter insistieren Sie auf geregelte Zuständigkeiten und eindeutige Berichtslinien. Als System-Administrator klären Sie ab, dass Ihnen eine kontinuierliche Weiterbildung zugestanden wird. Sie halten sich fachlich auf dem Stand und erwarten, dass ein Arbeitgeber Ihre Lernanstrengungen ebenso wie Ihre Arbeitsleistungen würdigt.

In Ihrer Rede und in Ihrem ganzen Auftreten unterlassen Sie es, schwierig oder kompliziert oder chronisch unzufrieden zu wirken.

Wechselgrund
Sie sind nicht illoyal, nur weil Sie sich einen anderen Arbeitgeber suchen. Sie geben ja, solange der Vertrag gilt, Ihre ganze Kraft und volle Loyalität. Doch beides ist transferierbar.

Warum wollen Sie also wechseln? Wenden Sie den Blick von der Firma, für die Sie sich nicht mehr engagieren mögen hin zu den Menschen, mit denen Sie gern arbeiten undfür die Sie sich einsetzen wollen. Ihre Antworten ergeben sich aus diesen Fragen:

Was kann ich nur dort tun?
Was kann ich dort besser leisten?
Was lässt man mich dort besorgen, was ich schon immer tun wollte?
Was kann ich sofort beitragen?
Warum kann ich dort meine Leistungsbilanz deutlich aufbessern?
Was kann ich dort freier und leichter tun?
Warum kann ich dort besser für die Existenzsicherung meiner Familie sorgen?

Ein denkbar freche Begründung: Gute Firmen ziehen gute Leute an. Und ich weiß nicht nur, was ich kann. Ich weiß auch, was ich für Sie erreichen kann. - Und dann zählen Sie es noch einmal auf. Die Braven glauben es ja nicht, aber dosierte Frechheit siegt: Warum ich wechseln will? Wie mein Karriereberater sagt: Die Freiheit des Angestellten liegt in der Möglichkeit, sich zu verbessern. - Zu forsch? Dann antworten Sie: Fußballer reden vom Trainer, von der tollen Mannschaft, vom Verein und wechseln im Grund doch nur der Kröten wegen. Mich zieht es dahin, wo ich mehr Tore schießen kann.

Berlin,
8. November 2006 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com

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