An die Arbeit! - Ein Ratgeber von Gerhard Winkler
 

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VORSPRECHEN

Mit dem Stadtplan auf dem Beifahrersitz durch Industriegebiete kurven. Sich an einem Schlips unter der Wollweste tragenden Pförtner vorbei reden. Ergraute Vorzimmerdamen beim Telefonieren stören. So ein Firmenbesuch ist verlockend wie der Eintritt in eine Landkneipenstube: Da schauen eins, zwei Fliegen kurz auf und brummen sichtlich gestört.

Andererseits steht da auf der selbstgezimmerten Tafel WIR STELLEN EIN. Darunter freut sich das Schild PRODUKTIONSHELFER, dass ihm keine weitere Berufsanzeige den Platz streitig macht.

Sobald ein Betrieb per Schautafel signalisiert, dass er einstellt, können Sie unbesorgt anklopfen. Vielleicht lässt man Sie nur einen Personalbogen ausfüllen. Bitten Sie dennoch darum, dass man die Personalabteilung anruft und mitteilt, Sie wären jetzt gerade da und würden die Gelegenheit gern nützen. Es tut Ihnen gut und es macht sich auch gut, wenn Sie sich Wartezeiten im Besprechungsraum lesend vertreiben. Als Student studieren Sie besser nicht Entgrenztes Begehren im traumatischen Niemandsland der Industriebrachen am Beispiel Frieda Kahlos und falls doch, umkleiden Sie den Band mit einer Firmenbroschüre. Als Ausländer kämpfen Sie sich tapfer durch Deutsch meine zweite Sprache. Beim Gespräch mit dem Personaler legen Sie dann das Buch auf seinem Schreibtisch ab. Personaler möchten Bewerber gern auf den ersten Blick taxieren. Zeigen Sie das, was man sehen möchte: Seien Sie genau der Richtige, der zuverlässig einen akuten Personalengpass in der Produktion oder sonstwo beheben kann.

Aus all diesen Spontan-Interviews für NBG-Jobs, das heißt für nicht besonders geistreiche Tätigkeiten, kommen Sie gut heraus, wenn Sie auf ein gegebenes Stichwort hin Ihre schlüssige Mini-Biographie abspulen können. (Diesen Klappentext der eigenen Lebensgeschichte kann man am besten auch dann ohne zu stolpern aufsagen, wenn ein Traumpersonaler einen nachts um drei aus dem Schlaf rüttelt.)

Wie macht man dem Gegenüber klar, dass man nicht wieder nach zwei Tagen entnervt aufgeben oder in der kommenden Spätschicht aus schierer Dämlichkeit den Betrieb abfackeln wird? Das einzig wirklich überzeugende Argument für eine gute Eignung ist, dass man schon andere Low-Level-Jobs gemeistert hat. Leichtlohn-Aktivitäten deswegen immer per Arbeitsnachweis dokumentieren lassen. Als Absolvent legen Sie allerdings nur Praktikumszeugnisse Ihrer Bewerbung um einen Berufseinstieg bei. Der Beleg über sechs Wochen als Schraubensortierer bei RAFI geht also nicht in den Anlagenteil der Bewerbungsmappe ein - im Gegensatz zum Zeugnis über die Praktikantentätigkeit in Entwicklung und Fertigung.

Nach diesen Ausführungen winken Sie sicher ab: Für den unangemeldeten und nicht vorab vereinbarten persönlichen Auftritt sind zeitlicher und materieller Aufwand viel zu groß. Außerdem ist es nicht üblich. Sie denken: Um herauszufinden, ob eine Produktmanagerin gebraucht wird, klopfe ich nicht einmal an, wenn ich zufällig doch vor dem Laden stehe.

Wenn zufällig unvorbereitet meint, dann überlassen Sie in der Tat besser nichts dem Zufall. Andererseits heißt nicht üblich im Fall des persönlichen Vorsprechens nur, dass man das in Ihrer Branche nicht macht.

Fragen Sie sich mutig bis zur Geschäftsleitung durch, wenn Sie in der Gastronomie, im Hotelwesen, als Verkäufer in einem Geschäft, als Dozent in einer Bildungseinrichtung, als Helfer und Arbeiter einsteigen möchten. Es gibt Arbeitsstellen, die sich durch hohe Fluktuation der Mitarbeiter oder durch permanente Unterbesetzung auszeichnen. Die eigene Person ist da immer das stärkste mögliche Bewerber-Argument. Wenn ich jemanden suche, der mir eine Brücke konstruiert, schaue ich mir seine Qualifikation an. Wenn ich jemanden suche, der mir die Brücke baut, schaue ich mir seine Hände an.

Schüler und Studenten haben oft mehr als nur ein finanzielles Interesse am Kurzzeitjob. Sie wollen sich beizeiten über bestimmte Berufszweige, Tätigkeitsbereiche oder Firmen informieren. Da lohnt sich Eigeninitiative. Warum nicht lange schon vor einer möglichen Ausbildung oder Arbeitsaufnahme vorsprechen, sich kurz vorzustellen und als Gedächtnisstütze einen Lebenslauf hinterlegen? Unter der angegebenen Telefonnummer oder Mail-Adresse sollte man jederzeit erreichbar sein. Ferienjob- oder Praktikumsangebote sind oft äußerst kurzfristig; wenn Sie beim ersten Angebot ungeschickt absagen, wird die Firma Sie vermutlich für die Zukunft abschreiben.

Nehmen Sie kurzfristig angebotene Kurzeitjobs an, wenn sie nicht ganz zu ungelegen kommen. Flexibilität ist auf dem Bewerbermarkt immer ein Wettbewerbsvorteil.

(Revision 09.2002 © Gerhard Winkler, jova-nova.com)