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Bewerben am PC
Bewerben am eigenen Computer: Was man braucht und was man sein lässt

Vielleicht rufen Sie diese Seite aus einem Internet-Café auf. Vielleicht belegen Sie gerade einen PC-Arbeitsplatz in einer öffentlichen Bibliothek. Oder Sie haben einen freien PC in den Surfer-Stuben einer Arbeitsagentur ergattert. Falls Sie zur Zeit Ihre Chance auf dem Jobmarkt suchen und dafür keinen eigenen PC plus Webzugang nutzen, gebe ich Ihnen zu bedenken:

Steuern Sie Ihre Jobvermarktung vom eigenen PC aus.

In Ihrem Erwachsenendasein werden Sie einen PC immer brauchen. Man findet nicht einen Job und kann dann seinen Vermarkterstatus für immer oder für ein paar Jahre vergessen. Jobs sind nur die ruhigeren Phasen in der ständigen beruflichen Selbstvermarktung. So mancher Inhaber einer Lebensstellung hat erfahren, wie kurz die Lebenszeit seiner Stellung bemessen war. Wann war bei Ihnen zuletzt Job-Alarm?

Ihre Bemühungen um ein berufliches Unterkommen und Weiterkommen werden absehbar kein Ende nehmen. Dann nutzen Sie doch bereits heute schon den eigenen PC als Ihre Schreib- und Designmaschine, als Kontaktmanager und Datenschrank, als Infoterminal und Mailzentrale, als Postfach und als interaktives Medium zur eigenen persönlichen Weiterentwicklung. Sie sind Unternehmer in einem viel tieferen Sinn, als Ihnen die Propagandisten der Ich-AG erzählen:
Sie sind Betreiber Ihrer eigenen Existenz.

Investieren Sie in die richtigen Betriebsmittel. Wechseln Sie auf die Gewinnerseite der Informationsgesellschaft. Den zweijährigen Pentium aus einem Industrieleasing gibt's bei Schnäppchen-Meistern wie Uli-Ludwig.de schon zum Freundschaftspreis. Trotz der für manchen Jobsuchenden schmerzhafte Ausgabe: Bewerben heißt Investieren. Wer nicht investiert, kommt nicht ins Geschäft.

Schmales Budget? Dann verlagern Sie lange Recherche- und Informationsphasen im Web auf kostenlose Internet-Zugänge. Mailen Sie sich die Ergebnisse an Ihre eigene Adresse. Greifen Sie zu Hause darauf zu und verarbeiten Sie die Resultate offline und in aller Ruhe.

Bewerben ist Vermarkten

Bewerben ist Vermarkten. Selbst-Marketing ist eine kontinuierliche Anstrengung. Diese Art Anstrengung gehört organisiert. Der PC ist unter anderem ein Werkzeug, um sich optimal zu organisieren und aufzustellen.

Ein aktuelles Beispiel: Die Ergebnisse einer Beratung und eines mehrstündigen Coachings stellte Klientin Ingrid H. am privaten Computer zu einem Manual zusammen. Der Textreader umfasst Ihre berufliche Identität, ihre Bewerberstory, ihre berufliche Vision, ihren Lebenslauf, lobende Statements und Referenzen von Kunden, Chefs und Kollegen und im letzten Viertel auch überzeugende Antworten auf viele knifflige Fragen, die sich aus ihrem Werdegang, ihrem Alter und ihrer Bewerbungssituation ergeben. Dieses ansprechend gestaltete, mit dem Bewerberporträt versehene Skript nutzt Ingrid H. für sich selbst. Es ist eine Bestandsaufnahme und ein Skript, das Ingrid H. hilft, ihre Routinen einzuüben. Und für den Fall, dass ein Jobanbieter anruft, liegt auch ein Ausdruck neben dem Telefon. So ein segensreiches Handbuch lässt sich sicher auch per Hand schreiben - vorausgesetzt, man hat die Geduld eines mittelalterlichen Mönchs.

Zum Erstellen der grundlegenden Bewerber-Präsentation benötigt man eine Textverarbeitung, die zweispaltige Tabellen ebenso wie genaues Positionieren und eine Seitenansicht am Bildschirm ermöglicht. Im Word-Format oder zumindest RTF-Format sollten Dateien sowohl gelesen als auch gespeichert werden können. Alle diese Merkmale alles plus eine taugliche Rechtschreibprüfung haben auch sehr kostengünstige Programme. Versuchen Sie übrigens nicht, einen Lebenslauf mit so etwas wie MS Excel zu konstruieren. Man fährt ja auch nicht mit dem Trecker ins Konzert.

Eike Bloemsma, der sich berufshalber mit dem Software-Markt für Windows-Anwendungen befasst, empfiehlt als Office Paket für den Privatanwender: OpenOffice www.openoffice.org und als PDF-Umwandler den PDFCreator. Für die Bildbearbeitung gibt es Gimp for Windows oder auch WinGIMP. In Sachen Mail und Kontaktmanager sollte man sich das Mozilla-Projekt näher anschauen: www.mozilla.org. Eine weitere Leserempfehlung: „PDF995 ist ein hervorragender PDF Konverter.“

Karl Dietz, Research-Spezialist und Online-Trainer (www.karldietz.de), erklärt für uns das Kürzel PDF als „Portable Document Format. Diese Dateien sind mit dem Adobe Acrobat Reader von adobe.de zu lesen. Zum Erstellen von PDF-Dateien gibt es etliche Tools, zum Teil auch kostenlos: Zum einen die Freeware FreePDF, erhältlich auf den Heft-CDs von PC-Zeitschriften oder auch PDFmaker und PDFCreator. Die Office-Anwendungen OpenOffice in der aktuellen Version sowie StarOffice 7.0 können Dokumente, die man zum Beispiel im DOC-Format eingelesen hat, als PDF exportieren.“

Wir Besitzer eines Apple Mac können Dokumente aus jeder Anwendung, die drucken kann, im PDF-Format speichern. Schick, aber um den Dateiumfang weiter zu optimieren, braucht man dann doch Acrobat.

Bewerben ist auch Kontakten. Ein Mailprogramm mit Adressteil, Notizbuchfunktion und Terminkalender taugt prima für Ihr persönliches Kontaktmanagement.

PC-Programme sinnvoll nutzen

Die nervigen Kontroll-Freaks haben in einem einzigen Punkt recht: Es ist ein Fehler, die Kontrolle abzugeben. Es ist nicht zuletzt ein Fehler, die Kontrolle über seine Textverarbeitung dem Programm zu überlassen.

Im Jahr 2004 gilt dasselbe, was ich 1994 in meinem ersten Textreader bemerkt habe: Ohne Schriftlichkeit reicht die Selbstdarstellung keine drei Meter. Wenn Jobsuchenden aller Sinn für Sprache und Schreiben abgeht, dann kommen sies leichter ins Fernsehen als in einen Job. TV ist ja gerade darum so populär, weil sich alles Textliche auf die Sponsoren-Schriftzüge reduziert und weil Leute, denen man bei ihrer Selbstpräsentation keinesfalls zusehen möchte, dies unter unkonditioniertem Körpereinsatz tun.

Zum Texten zählt, sein Handwerkszeug zu beherrschen. Jede echte Fachfrau für Schriftverkehr, jeder versierte Vielschreiber passt sich sein Werkzeug den Aufgaben an.

Schauen wir aber genau, was die überwiegende Mehrheit der Leute macht, die einen PC in ihrer Freizeit nutzen. Alle Erfahrung zeigt: die meisten Zwei-bis-zehn-Finger-Athleten nehmen äußere Rahmenbedingungen, also die Fabrikeinstellungen ihrer Software, fraglos als gegeben und unabänderlich hin. Bei der Textverarbeitung bedeutet das:

voreingestellte Schrift Times bleibt erhalten
voreingestellte Schriftgröße bleibt erhalten
ganze Wörter am Zeilenende werden automatisch in eine neue Zeile umbrochen

Unkritisch übernommen werden auch Default-Seiteneinstellungen, das klassische, moderne oder elegante Vorlagen-Layout geistloser Vorlagen und natürlich auch Satz für Satz das Bewerbungsschreiben, das man aus der Info-Seite der IHK Jammertal hat. Wer aus der Web Site von solchen Me-too-Experten eine Vorlage entnimmt, der begeht einen Akt von Grabschändung.

Einige wenige Mutige wechseln die Schrift auf Arial, Tahoma oder Comic. Der Zeichensatz Arial hat soviel Persönlichkeit wie Flüssigseife. In Comic gekleidet tritt man bitte auch in Mails vor keinen Personaler. Tahoma dient bekanntlich als Signet von IT-Leuten. Tahoma ist ja auch die Gedenkschrift für den unbekannten Supporter: Tagundnacht Hotline Machen. – Was gibt es noch auf Ihrem PC an Fonts? Ausprobieren, ausdrucken, vergleichen!

Studierte, Stutzer und Stupide setzen ihre Seiten in Blocksatz, weil das von weitem so austariert aussieht. Malen Sie doch einmal die Löcher, die dann im Text entstehen, mit einem Textmarker aus: Da stehen Farbpfützen. Und selbst die weißen Löcher stoppen jeden Lesefluss. Trennen Sie lieber Wörter und gleichen Sie die Zeilen mit der Hand aus. Die Silbentrennung sorgt in unserer Schriftkultur für bessere Lesbarkeit. Löcher im Text oder Spitzen am Zeilenrand gelten nicht nur als typographischen Sünden. Wie sorgfältig Sie für Lesbarkeit sorgen, das ist ein untrügliches Zeichen für Ihren Bildungsgrad und Ihre Schreibkompetenz.

So hebt man sich ab

Menschen folgen ziemlich gedankenlos anderen Leuten, der Konvention und der Mehrheit. Klar, dafür sind Vorbilder und Konventionen ja auch da. Bei der Jobvermarktung sind die meisten Ihrer Mitbewerber also Zeitgenossen, die auf Nummer sicher gehen. Sorry für die Mehrheit, aber der gewitzte Einzelkämpfer hat da die besseren Chancen. Er hebt sich in einigen entscheidenden Punkten vom Hauptstrom ab:

Äußerste Sorgfalt - Rechtschreibung, Grammatik und eben auch korrekte Trennung am Zeilenende.

Strikte Servicehaltung - ein ausgewogenes Schriftbild ist um so viel leichter zu lesen. Ausbalanciert heißt: keine Lücken am rechten Rand, keine Löcher in der Zeile.

Diskrete Differenz - das Schriftbild ist Erscheinungsbild. Der Textkörper kann Banalität, Langweile oder aber Stil, Klasse, Modernität, Energie ausstrahlen.

Absolute Unverwechselbarkeit - Bewerbungsschreiben sind meist austauschbar. Die meisten Bewerber sind furchtbar umständlich, verstecken sich hinter Floskeln, schreiben Schnickschnack oder blasen sich auf. Die eigene Argumentation soll einen aber deutlich von den anderen abheben.

Nicht zu viele Worte - Bewerber haben Angst vor der Leere. Nichts macht mehr Horror als ein weißes Blatt. Darum ist gerade der Wenigschreiber erst dann froh, wenn er ein dickes Ei gelegt hat. Wenn aber viele Worte um eine Sache nichts bringen, zum Beispiel, weil der Adressat sowieso an Info-Verstopfung leidet, dann räumt man sein Anschreiben besser so konsequent auf, wie man einen Garten vom Wildwuchs befreit. Man reißt raus, was zu wuchern droht und was die Sicht versperrt. Im Grunde geht es einfach nur darum, Wörter zu killen. Das fängt beim Betreff an, setzt sich mit den Anfangfloskeln fort und hört erst mit der letzten Zeile auf.

Nicht zuletzt ist der PC auch Ihr persönliches Archiv. Ich habe Texte seit den seeligen Absturz-Zeiten von 1stWord über eine Vielzahl von Textverarbeitungen, über zwei Computerplattformen und einem Dutzend Betriebssystem-Updates hinweg erhalten. Entwickeln auch Sie einen Sinn für Ihre eigene Geschichte, für Ihren Werdegang und für den Wert Ihrer Artefakte, Nachweise, Dokumente und Arbeiten.


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Ostrach, 1.10.2004 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com


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Bild © 2004 Gerhard Winkler, jova-nova.com
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