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Bewerber-Präsentation
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Neulich im Café unterhielten sich ein paar laute Leute am Tisch hinter mir. Eine Trompetenstimme konnte man gar nicht überhören. Als sie trötete: Ich bin eine echte Powerfrau, stellte ich mir die Person ungefähr so vor: belebt-beleibt, aufgebauschte Haare im Tonwert tollwütige Kastanie, Hände wie die eines Dampfwalzenbedieners und ein Outfit, dessen Buntheit sich durch dunkle Brillengläser beißt. Ich drehte mich nicht um und habe deshalb auch nicht erfahren, ob ich recht hatte. Aber ich weiß, dass ich schrecklich vorurteilsbeladen bin.

So schnell trifft man Selbstaussagen. Wenn sie bare Münzen wären, dann hätten nur sehr schweigsame und schüchterne Menschen abends noch Wechselgeld in der Tasche. Und wer aus philosophischen Gründen nicht besonders zu Ego-Statements neigt - das Ich ist schließlich eine wacklige Konstruktion - der wird die Forderungen der beruflichen Selbstvermarktung als schlimme Zudringlichkeit empfinden. Jede Bewerber-Präsentation handelt von einem selbst. Doch wie weit geht man aus sich heraus? Was gibt man von sich preis? Ich zitiere aus der aktuellen Bewerberkorrespondenz:

Eine Achtzehnjährige bewirbt sich um eine Ausbildung bei Infineon und schreibt:

… Darüber hinaus besitze ich eine schnelle Auffassungsgabe und bin sehr belastbar. Von meinen Mitmenschen werde ich als kontaktfreudig und offen angesehen. Eigenschaften, die meiner Teamfähigkeit zugute kommen …

Ein Einkäufer kauft einem Karriere-Ratgeber einen Satz ab und baut ihn in sein Anschreiben ein:

In mir finden Sie einen Mitarbeiter, der gewohnt ist, selbständig zu arbeiten, sich aber auch kooperativ in ein Team einfügen kann.

Und eine Juristin argumentiert so:

Durch diverse Tätigkeiten konnte ich meine Teamfähigkeit, meine Belastbarkeit und schnelle Auffassungsgabe unter Beweis stellen.

Würden man dieses teils unehrliche, teils hilflose Gesäusel im TV oder Radio hören, wäre die erste Reaktion, auf einen fettfreien Sender zu zappen. Was bewegt verständige Erwachsene dazu, wahre oder vermeintliche Stärken aneinanderzureihen wie Äpfel, Birnen und Laufschuhe?

Ich bin davon überzeugt, dass viele Jobsuchende auf Jobofferten übereifrig reagieren. Stellenangebote sind bekanntlich die linke Seite einer Gleichung, deren rechte Seite man als Leistungsanbieter ergänzt:

ANFORDERUNGEN des Jobs <—> LEISTUNGSNACHWEISE des Jobsuchenden.

Jobangebote beschreiben in Kurzform den Jobanbieter, die Aufgabenstellung, die anfallenden Arbeiten und Zuständigkeiten, das zur Erledigung notwendige fachliche Wissen und Können, die dabei einzusetzenden Werkzeuge und eben auch jene persönlichen Stärken, die sämtliche Leistungsanbieter auszeichnen, von denen man weiß, dass sie die Aufgaben bereits in der selben Position oder in vergleichbaren Jobs gemeistert haben. Das Aufgabenprofil ist nichts anderes als das von der Arbeitgeberseite aus betrachtete Kompetenzprofil des Jobsuchenden.

Soweit so gut.

Wenn Sie jedoch Stellenanzeigen analysieren, werden Sie bemerken, dass es kaum eine Jobbeschreibung gibt, in der sich die geforderten allgemeinen Qualitäten nicht unmittelbar aus dem Jobprofil ableiten lassen. Es ist für einen Geschäftsführer, der eine Sekretärin sucht ebenso wie für eine Sekretärin, die einen Job sucht, schlechterdings nicht möglich, sich eine taugliche Chefsekretärin zu denken, die nicht überaus belastbar, zeitlich flexibel und absolut zuverlässig wäre. Jobanbieter listen fachunspezifische Qualitäten auf, weil sie ein vollständiges Profil des idealen Kandidaten geben wollen.

Dass sich darauf gewöhnlich auch Personen bewerben, die meinen, die beschriebenen Eigenschaften zur Genüge abzudecken, aber leider überhaupt nicht vom Fach sind, das gehört zum Geschäft der Personalauswahl. Jeder Praktikant kann die Unterlagen nach ein paar Schlüsselworten abscannen, und wenn die fehlen, geht die Mappe eben umgehend zurück.

Der fachlich qualifizierte Bewerber, der sich denkt: die schreiben das hin, also schreibe ich das auch hin, und der darum gedankenlos die Auflistung der Gegenseite spiegelt, schwächt ohne Not seine Präsentation.

Ich schlage Ihnen darum vor, künftig alle honigsüßen Sätze, die einem selber so gut tun, aus dem Anschreiben zu nehmen. Verabschieden Sie sich auch von diesem Süßholz-Powerplay:

Kreativität, visionäre und intuitive Fähigkeiten, analytisches und zielorientiertes Denken, hohe Eigenverantwortlichkeit sowie Einfühlungsvermögen sind unter anderem die Fähigkeiten, um Ihren beschriebenen Anforderungen gerecht zu werden.

Der Grund dafür, sich strikt des Selbstlobs zu enthalten, liegt ganz einfach darin, dass man als ehrbarer Bewerber vermeidet, ungedeckte Schecks auszustellen. Schließlich hat man auch gutes Gold im Säckel.

Auch, wenn es beispielsweise wahr wäre, dass Sie besonders belastbar und einsatzfreudig sind: Sobald Sie schreiben Meine besonderen Stärken sind Belastbarkeit und Einsatzbereitschaft, stellen Sie nichts als eine Behauptung auf. Für die überzeugende Bewerberpräsentation gilt jedoch:

Belegen, nicht nur behaupten

Der Satz Meine besonderen Stärken sind Stresstoleranz, Belastbarkeit und Einsatzfähigkeit auch im Dauereinsatz hat im Anschreiben die Sprengkraft von Puffreis. Der selbe Satz, geäußert im Jobinterview, kann bewirken, dass hartgesottene Profis weich und schmusig werden. Im Anschreiben stehen Worte. Es bleiben leere Worte, sofern sie nicht mit harten Fakten unterlegt sind. Im Jobinterview steht Ihre ganze Persönlichkeit hinter dem, was Sie sagen. Man überzeugt leichter im persönlichen Gespräch. Gerade Menschen mit einer starken physischen Präsenz werden darauf achten, in der schriftlichen Präsentation keine großen, unhaltsleeren Worte zu machen.

Sich ohne sicheres Wissen der eigenen Stärken und Schwächen beruflich zu vermarkten, ist wie Baseball zu spielen, ohne vorher ein Match auch nur angesehen zu haben. Man geht auf dem Spielfeld verloren. Fehlende Selbstkenntnis mag einen nicht unbedingt daran hindern, eindeutig, selbstgewiss und zielstrebig aufzutreten. Doch sie verunmöglicht, dass man den Bewerbungsprozess auch unbeschadet durchsteht. Ihre Strategie als Bewerber: Verschaffen Sie sich einen Überblick über das Arsenal Ihrer Pro-Argumente und über die Lage der Gegenseite. Sichern Sie alle Ihre offenen Flanken ab. Seien Sie sorgsam in der Wahl dessen, was Sie vorbringen und von sich zeigen. Setzen Sie Ihre Argumente so ein, dass sie eine maximale Durchschlagskraft erreichen.

Konkrete Leistungen verweisen auf persönliche Stärken. Seine persönlichen Stärken einfach nur aufzuzählen ist, als ob man behauptet, dass der Fürst von Vorpommern einen Bart hat. Ego-Statements belegen nichts weiter, als dass Sie Schlagworte aufgreifen können. Der tiefere Grund, warum Sie Engagement, Verantwortungsbewusstsein, selbstbewusstes Auftreten und noch mehr Zauberwörter im Anschreiben so verstreuen wie ein Faschingsprinz sein Konfetti ist doch, dass Sie glauben, alle Bewerber würden das tun. Doch warum soll man genau das nachmachen, was die nicht so erfolgreiche Konkurrenz unternimmt? Und warum sollten Jobanbieter solchen Statements glauben? Warum sollten von allen Menschen ausgerechnet Jobanbieter einem glauben? Ein Berufsstand, zu dessen Grunderfahrung es zählt, dass man ihn dreist und unverfroren anlügt?
Teamstärke! Kontaktfreude! Liftführerschein!
ich bin immer wieder verblüfft. wie sehr sich Bewerber an Rezepte, Vorlagen, Vorschriften und sogenannte gute alte Gebräuche halten. Ein Klient schrieb mir erschrocken:

In jedem - und ich meine jedem - Bewerbungsratgeber, sowie auch bei div. Bewerbertrainings-Kursen bekommt man eingebläut, daß man doch gefälligst folgende Reihenfolge einzuhalten habe: 1. Einleitungssatz (Was will ich - mich bewerben) 2. Warum will ich wechseln, 3. Warum habe ich mir gerade DIESES Unternehmen ausgesucht, 4. Restliche Bewerbung, etc. - Sie hingegen stellen hier alles komplett um.

Nicht bloß das. Ich argumentiere im Anschreiben nicht nur brutal direkt, ich streiche auch alles, was nett klingt und sonst nichts bringt.

Erfolgreiche Bewerber sind Faktenbringer. Die Jobanbieter wollen nicht dieselben Reiz- und Glanzworte noch mal und noch mal und immer wieder hören. Wer Sie einstellen soll, der will erfahren, dass Sie die Bewerbertugenden verkörpern und nicht nur predigen.

Und wenn man mich fragt: Sollten interkulturelle Fähigkeiten und was man so als ANDERE FÄHIGKEITEN bezeichnet, nicht doch mit ins Anschreiben hinein genommen werden, dann lautet meine entschiedene Antwort: Nein. Auslandsstudien und -aufenthalte, internationale Projektarbeit, Erfolge im beruflichen Einsatz - das beweist zur Genüge, dass man die ganze Enchilada an Bewerbertugenden schon glanzvoll in sich vereinigt. Kleiner Tipp am Rande für Absolventen der Geistes- und Kommunikationswissenschaften: Bilden Sie beim nächsten interkulturellen Kontakt mit dem internationalen Business keine zusammengesetzten Ausdrücke mit interkulturell. Und verstehen Sie sich nicht als Missionar des produktiven Miteinanders. Die Teams da draußen kommen ganz gut allein zurecht.

Doch wie belegt man denn nun seine persönlichen Stärken im Anschreiben?

1. Am stärksten sprechen für einen die aktuelle oder letzte Position und der Rang in der Organisation. Die beruflichen Handlungen, Zuständigkeiten, Kompetenzen, Erfolge. Der Bildungs- und Werdegang. Haben Sie den Mut, sich im Anschreiben durch Ihr Tun und Handeln zu definieren.

2. Was zählt, sind auch Fürsprecher, die dank Ihrer herausgehobenen Stellung die fachliche Kompetenz und einige Haupttugenden beurteilen und belegen. Nennen Sie im Bewerbungsschreiben Name plus Position, Unternehmen, Durchwahl.

3. Ein bewährter Trick: Die eigenen Stärken im Urteil anderer - Vorgesetzter, Kollegen, Kunden - zu spiegeln. Aber nicht zur rhetorischen Figur verkommen lassen. Was Sie im Anschreiben anführen, darf durch das beigelegte Arbeitszeugnis nicht widerlegt werden.

4. Napoleon hat sich selber den Lorbeerkranz aufgesetzt, Muhammad Ali hat verkündet, er ist der Größte. Doch Sie haben als Bewerber leider kein dankbares Publikum aus Bewunderern, Freunden und Hofschranzen. Nicht abgesicherte Ich-Aussagen im Anschreiben empfindet man entweder als abgeschrieben, als Ausdruck naiven Glaubens oder als Ausdruck dreister Eitelkeit. Es gibt allerdings einen Platz im Anschreiben, wo eine Ich-Aussage wirkt wie ein Schau-mir-in-die-Augen-Kleines: Am Ende des Anschreibens, nachdem Sie sich mit Ihren Argumenten zum Anfassen als Traum-Kandidat aufgebaut haben. Sie resümieren damit Ihre Präsentation und bringen Ihren Anspruch auf den Punkt. Beispiel für einen Satz, der den Schlussakkord einleitet:

Planen Sie, Ihr Management-Team um einen unternehmerisch denkenden und handlungsfreudigen Mitarbeiter zu verstärken?

Dann nämlich gibt es für Sie auch einen triftigen Grund, dass man zusammenkommt und sich gesprächsweise mit dem Anliegen der Gegenseite auseinandersetzt. – Ein guter Grund für Sie, um weiterzulesen: Ich liste Ihnen im Teil 2 rund sechzig Persönliche Stärken auf und gebe Beispiele, wie man sie argumentativ im Anschreiben einsetzt: Zum Teil 2
Zum Teil zwei: Tipps und Satzbausteine


Ostrach, 18.09.2004 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com


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