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Coach-Geflüster

Sie sind Jobsucher. Möchten Sie auch Jobfinder werden? Gewinner vertrauen unserer integrierten Berufsfindungsstrategie! Für Sie höchstpersönlich: Ihr individuelles Motivprofil nach der Methode von Dr. Honor Causa! Wir führen Sie step by step durch unseren Großen Potenzialanalysetest!

Ich hoffe, diese Einleitung spricht Sie nicht allzu sehr an. Sie ist nur eine Fingerübung im Karriere-Kauderwelsch. So einfach geht das Grundrezept für Vermarktertalk: Ein paar Zauberwörter aufschlagen, nach Geschmack zuckern und kurz auf höchster Stufe quirlen.

Eine Liste mit Belegen für bedeutungsleeres Coach-Geflüster schickte mir Uta Glaubitz. „So reden die Kollegen“, fragte ich ungläubig zurück. „So schreibt die Coach-Schwadron“, bestätigte Uta. Ich mailte zurück: „Coacherin hast du aber selber erfunden.“

Hatte Uta nicht. Ich hab's nicht geglaubt, ich hab's gegoogelt und schon sprang mich der She-Coach an. Was, wenn nicht die emotionale Intelligenz, verleitet Frau eigentlich dazu, zuerst den Coacher zu machen und dann die weibliche Form abzuleiten?

Meine persönliche Top-Coacherin im Web beweist obendrein Mut zum schmückenden Beiwort: Michaela Struve (Coacherin "go for it!", Projektleitung "move on!") Diplom-Soziologin, Gestalttherapeutin, Coaching und Supervision. – Ist das noch Mummenschanz oder schon Mumientanz? Einigen wir uns auf zusammengewürfelt.

Sigrun „Move on, Gerhard“ Laws, bei jova-nova.com auch für Supervision der Rechtschreibung zuständig, regt an, Coacherin spaßeshalber auf Neudeutsch zu trennen: Co-Acherin. Viel Spaß beim Aussprechen. Ich hüte mich zu behaupten, dass die Sprache sich ausbeult, wo Frau ihre weibliche Form findet. Nur sich selber als Kult-Coacherin anzupreisen, liebe Kollegin S. A., das hat schon viel von sprachlicher Beulenpest.

Coach ist Kult! Sie wollen Lebenscoach werden wie Frau S. A., Erfolgscoach wie Frau M. S., Karrierecoach wie Herr B. A. oder Stagecoach wie im Film: Profitieren Sie von Uta Glaubitz' Recherche-Arbeit und von meiner Coaching-Schlüsselwort-Gestalttherapie!

AIDA-Formel
Arglos ist der Amateur. Ach, Ich Darf anfangen? Achtung, Ich Dreh Auf! Automatische Immunreaktion Des Angesprochenen. - Bewerben nach dem AIDA-Prinzip folgt der Idee, einen Adressaten für noch dümmer zu verkaufen, als der Bewerber schreibt.

Bewerberbotschaft
In der Bewerber-Botschaft, einem überraschend schäbigen Gebäude im Karriereviertel, stößt man im letzten Winkel auf den Bewerbungsbotschafter mit heruntergelassener Hose.

Berufszielfindung
OK. Stellen wir uns zur Abwechslung ganz schlau an. Angenommen, Sie haben Ihr Berufsziel verloren. Nach Tagen, Wochen, Monaten des Herumirrens treffen Sie auf einen Berufszielfinder. Sie fragen ihn, was er für Sie tun kann. Er antwortet:

„Sie lernen, wie Sie Ihre individuellen Stärken und Besonderheiten in ihrer höchstpersönlichen Kombination herausfinden und wie Sie nach außen - in Ihrer Umwelt - Interessenten (Arbeitgeber) finden, deren Aufgaben und Probleme von Ihren Fähigkeiten gelöst werden.“

Ihre Reaktion:

a) Sie sagen: „Ich suchen weiter. Du lernen Deutsch.“
b) Sie sagen: „Lieber blind als Coach.“
c) Herr Winkler, das ist Polemik der billigsten Art.

Merke: Bewerber zahlen den Coach dafür, dass sie ihm vorsagen, was sie nicht hören wollen.

Coaching
Coaching ist nichts anderes als betreute Selbstvermarktung. Und Coachdeutsch ist Ihr Coachkapital. Legen Sie Ihr Kapital gut an. The Coach is the Message. But the Coacherin is the Messagerin. Think of that!

Coaching, individuelles
Der Coach erzählt alles über sich.

Coaching, ganzheitliches
In den Pausen ayurvedischer Tee.

Coaching, persönliches
Der Coach zeigt sich selbst.

Coachee
Coachee kommt aus dem Altindischen und meint "der zu Beglückende". Feuern Sie als Karriere-Coach ganze Beglückungssalven ab: "Durch Coachingmaßnahmen wie Gruppen- und Kassettencoachings, Side by Side und Silent Monitoring konnte ich das Erlernte der Coachees vertiefen und erzielte dadurch eine nachweisliche Qualitätssteigerung."

Jeder Coachee ist für den Erfolg des Coachs verantwortlich. Zugleich gilt: Der Coachee verhält sich zur Lychee wie die Gurke zur Pflaume.

Bemerken Sie niemals vor einer Gruppe von Coachees: „Mein Bruder, der Halbwilde, versteht unter Coachees einen Indianerhäuptling.“

Dress to success
"Dress to success" geht Ton in Ton mit den Key Words "Outfit" und "Dresscode". Kombinieren Sie die Zauberwörter und meistern Sie lässig jeden beruflichen Challenge vom Presse-Interview bis zur Berufszielfindung für Langzeitzielverfehler. Ich designe Ihnen fix Ihre Ansicht: "Dress to success, dress to impress. Doch niemals zu kess. Sie müssen den Dresscode kennen, sonst hängt womöglich nur noch Ihr smartes Lächeln in der Luft, während Sie in Ihrem falschen Outfit hängen wie ein angeknockter Boxer in den Seilen."

Eindruck, erster
Je mehr Ihre Beraterkunst darauf abzielt, Dekostreifen an Rostlauben zu kleben, desto mehr müssen Sie aber auch propagieren, dass immer stets der erste Eindruck entscheidet. Das ist echt ein Gesetz. Auch in Österreich, obwohl man da gar nicht zweimal hinschauen möchte. Coachehrenwort!

Als Coach müssen Sie Ihre Coachees dort abholen, wo sie stehen. Bevorzugt stehen sie auf einem Allgemeinplatz. Das trifft sich gut, dort warten Sie ja selbst schon. Wippen Sie energisch auf und ab, damit der Kunde nicht auf Anhieb sieht, dass Sie selber voll auf dem Schlauch stehen.

Vor allem, wenn zu befürchten ist, dass Ihre Klienten keine regelgeleitete Auswahlprozedur überstehen, verkünden Sie umso mehr das Gesetz vom ersten Eindruck. So falsch wird es schon nicht sein, und ihre Kundschaft hat eine Erklärung, wenn sie es ein Gespräch auf Anhieb vergeigt.

In nur drei Sekunden erfasst ein Klient, ob Sie den Coach leben oder ihn bloß machen. Der erste Eindruck ist darum für einen Coach superwichtig. Blickkontakt, bis die Augen tränen! Gestikulieren Sie heftig.

Emotionale Intelligenz
Appellieren Sie an die emotionale Intelligenz von Kunden, die Sie mit Mitteln des Verstands allein nicht erreichen. Überraschen Sie alle anderen mit der Anregung, beim nächsten Jobinterview nur intelligente Emotionen zu zeigen.

Erfolgsschlüssel
Sie sind als Coach die Person vom Erfolgsschlüsseldienst. Klappern Sie heftig mit dem Erfolgsschlüsselbund. Erzählen Sie unbedingt auch von Ihren eigenen Schlüsselerlebnissen.

Erfolgsturbo
Was sollen wir mit dem Erfolgsturbo tun? Wozu fordert der Turbo-Coach wohl auf? a) Einschalten. b) Finger rein stecken. c) Jetzt reichts, Herr Winkler. Ich bin selber Erfolgsturbo-Abonnent und lasse auf meinen Erfolgsturboprop Herrn Alex Rusch nichts kommen!

Gesetz
Falls es Erfolgsgesetze gäbe, wären die Leute, die sie gewöhnlich verkünden, lebendige Ausnahmen von der Regel. Doch immerhin bereichert das Verkünden von Erfolgsrezepten mehr als ihr Verfolgen. Eine goldene Regel besagt jedenfalls, dass das Gesetz dem Erfolg hinterherläuft, der Trend dem Gesetz und der Coach dem Trend.

Im Karriere-Coaching erfüllt ein Gesetz im Allgemeinen dann seinen Zweck, wenn es Lebenswirklichkeiten, die auch der Coach nicht begreift, so weit auf die Ebene des größten gemeinsamen Unsinns heruntertransformiert, dass der Klient ausruft, genau das Gleiche habe er sich bereits so gedacht, aber natürlich nicht so bestechend formuliert.

Fischen wir mal mit der magnetischen Angel im Web: „Erfolgsgesetz Nr. 4. Das Gesetz der Anziehung. Sie sind ein lebender Magnet. Das heißt, dass Sie in Ihrem leben (!) unweigerlich jene Menschen, Situationen und ...“ - Sorry, aber um da weiter zu lesen, müsste ich die Seite erst öffnen und mein Mauszeiger spritzt immer weg.

Bonus-Tipp: Erklären Sie die Kritiker, die von Ihrem Coach-Gesetz des lebenden Magneten abgestoßen werden, für falsch gepolt.

Kernkompetenz
Keine Ahnung, was die Kernkompetenz eines Coachs ist. Selbstwirksamkeit?

Netzwerkintelligenz
Jetzt aber. Wenn IT-Profis zu viel wissen? Ich passe. Liebe Uta, in der Kabine bringen meine Mitreisenden bereits ihre per Fernbedienung horizontal, vertikal und subabdominal verstellbaren Sitze in Schlafstellung und ich soll, zwischen den Zeitzonen schwebend, das Macbook malträtierend, Coach-Fachwissen heuchelnd, eben mal so Netzwerkintelligenz definieren? Wozu?

Jeder weiß doch: Komposita sind die Nebelkerzen des Modern Talking. Die Anzahl der zusammengesetzten Wörter, die einer benutzt, verhält sich umgekehrt proportional zur Fragmentierung seines Geists. – Oh, ich merke da, ich schenke gerade der Welt ein echtes Gesetz.

Netzwerkintelligenz, das gibt es sicher gar nicht! Hier oben hat es aber WLAN! Zugang während des gesamten Fluges 26,95 Euro! Und 65 Videoprogramme! Das gibt's wirklich! Was ist das, wenn nicht angewandte Netzwerkintelligenz! Ich könnte einfach so meine gesamte Mail abfragen, aber ich lese im Flug dann doch lieber die Journale, die ich mir sonst nie kaufe aus Furcht, das Starfoto präsentiert eine Coacherin auf Gestalttherapie. - Netzwerkintelligenz? Sprechen wir lieber über die neue Businessclasssitzintelligenz: Selbstwirksam dank des in der Fernbedienung integrierten MASSAGE-Knopfs.

Top-Tipp
Hier sind die drei Top-Tipps für Karriere-Coachs: Top-Tipp Nummer 1: Texten Sie in der Muss-Form. ("Sie müssen sich gut verkaufen.") Top-Tipp Nummer 2: Beschreiben Sie auch nicht gegen bares Geld, wie man was genau macht. Top-Tipp Nummer 3: Füllen Sie billigen Wein in Kanister aus Blech. (Kollegin U.A.: "Senden Sie niemals eine Bewerbung per Post, wenn etwas digitales (!) erwartet wird.")

Potenzialanalyse-Test
Sie sind selber gescheit und das befähigt Sie zu fragen, was das denn um G.'s Willen soll, eine Analyse zu testen. Falsche Frage. Die richtige Antwort lautet: Positive Werte auf dem Bankkonto des Karriere-Coachs beweisen, dass sehr wohl Potential im Potenzialanalyse-Test steckt. Testen Sie es selbst!

Proaktiv
Pro-Aktiv nennt sich der spezielle Handytarif für gebrüllte Telefonate im öffentlichen Raum.

Repowering
Wie in: „Denken Sie auch an Ihr mentales Repowering“. Klingt trendig, aber ich habe den Begriff gerade fürs Coaching entdeckt. Here it goes. As in: "Repowering ist angesagt, wenn man Sie von Ihrer Netzwerkintelligenz abgekuppelt hat." Und wie finden Sie Recharging? „Durch klientenzentriertes Repowering und interaktives Recharging Ihrer Soll-Persönlichkeitsstruktur machen wir Sie fit für den nächsten Karriereschritt.“ - Nehmen Sie's. Ehrlich, ich schenk Ihnen das neue, frische, unverbrauchte Coaching-Stichwort.

Selfmarketing
Leute, die nicht unbedingt Kaufleute sind, reden im Jargon von Kaufleuten, die sich durch die Psychologie geschlagen haben wie Goldsucher durch den Kongo, um Mitmenschen mit kaufmännischem oder pädagogischem Background, die sich dennoch ihre emotionale Intelligenz bewahrt haben, ihre Services zu verkaufen.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass Leute, die sich selber verkaufen, nichts lieber wünschen als sich endlich loswerden.

Selbstwirksamkeit
Jesses. (Sigrun Laws streicht mir jedesmal Jesses aus dem Text. Dabei ist das doch ein wörtliches Zitat aus Despereaux. OK. Selbstwirksamkeit, Take 2:)

Jesses. Selbstwirksamkeit! Welch angesagtes Zauberwort hör ich da wieder als allerletzter? Diese Coacher und Roacher testen schon dort, wo die Wirksamkeit auf sich selbst stößt und ich biete noch nicht einmal ein individuelles Coaching in Selbstführung an? (Die von Kollege J. K. angebotene Betreuung in guter Selbstführung beinhaltet Gesetze des Denkens. - Alle? WOW!)

Softskills
Schreiben Sie Ihrem Klienten eine Stange Softskills zu und er glaubt an Ihre emotionale Intelligenz. Entkleiden Sie Ihren Kunden seiner Softskills und Sie stoßen auf die Kernkompetenz. Lassen Sie ihn am internalen Locus-Of-Control Wache schieben, und Sie erwischen vielleicht seine Selbstwirksamkeit. Die Messung der Kontrollüberzeugung berechnen Sie extra.

Verkaufen
Ein Karriere-Coach, raten Sie mal, was er vorher beruflich gemacht hat, hebt so an: „Ein Lebenslauf ist eine Verkaufsunterlage, die einen Bewerber …“ - Danke, kein Kaufinteresse.

Noch nicht mal als Coach muss man sich verkaufen. Und vor allem im Bundle mit einem Reflexivpronomen belegt verkaufen doch nichts anderes als die komplette geistige Pleite des Verkaufsberaters.

Bild © 2006 Gerhard Winkler

Coach-Geflüster

Warum haben Psychoanalytiker am liebsten Coachs als Klienten? Weil für diese Leute der Weg zurück zur Kindheit besonders kurz ist.

Und wie die Kinder wissen Coachs seligerweise nicht so recht, was sie tun.

Karriere-Coachs leben von der Differenz.

Zwischen dem, womit sich ein Klient beschäftigt und dem womit er sich beschäftigen sollte.
Zwischen dem, was ein Klient ist und dem, was er aus sich machen kann.
Zwischen dem, was einen Klienten ängstigt und dem, was ihn bestärkt.

Dort, wo es philosophisch wird, bei der existentiellen Unvereinbarkeit des Ichs mit der Wirklichkeit, werkeln Coachs mit der Forschheit des Sozialingenieurs. Für Sartre ist das Ich immer ein Anderer. Für den Karriereberater ist das Ich immer Derselbe.

Dort, wo es praktisch wird, handeln Coachs umständlich und geistlos. Typischerweise ist einem Coach die Bewerberpräsentation noch das geringste Problem. Bewerber in Not sind meist Leute, die sich fragen, wie man sich aufbaut. Bewerber wollen wissen, wie sie wirkungsvoll zuschlagen. Coachs erzählen ihnen, was die Stunde schlägt - mit Hilfe ihrer güldenen Repetieruhr, die doch stets nachgeht. Zwanzig Jahre schon stolpere ich über Anschreiben und Lebensläufe und Bewerbungsmappen, die laut Eigenwerbung der Karriereautoren den Stand der Kunst wiedergeben und unfehlbar wirken. Lebenslang wundere ich mich über die Unfähigkeit der anderen, wenn schon nicht schön, dann doch angemessen zu schreiben.

Was ein Coach ansagt, ist weder das, was die Bewerbungsabsicht erfordert noch das, was Rekrutierer überzeugt. Der Unterschied zwischen einer Bewerbungsvorlage und ihrer Überarbeitung durch den Coach ist wie die Differenz zwischen weit daneben und nicht getroffen.

Kinder erfinden Regeln. Kinder knüpfen Wirkungszusammenhänge. Coachs machen daraus einen Job.

Allerdings reden Kinder über die Wirklichkeit auf eine herzerfrischende, Coachs auf eine geisttötende Weise. Kinder erklären einem die Welt neu. Coachs erklären die Welt zu. Die Methoden, Themen, Modelle der Berater purzeln dabei wie aus dem Zauberkasten für kindgebliebene Große. Das Gerede über Persönlichkeitstypen und Charaktermischtabellen, die Skill- und Potentialanalysen, die Stärken-Schwächen-Befunde, die Kärtchen und Legenden und Tabellen und Mind Maps plus die mit grausigen Grafiken aus der Clipartsammlung aufgepupsten Listen - all dies ist weit mehr Ausdruck einer zum System aufgeputzten kindlichen Denkart als Abbildung oder gar Modellierung irgendeiner bekannten Wirklichkeit.

Jobsuchende wollen einen Job finden. Sie wollen aufgenommen werden, sich zurecht finden, sich in eine förderliche Umgebung einfügen, Aufmerksamkeit, Anerkennung, stabile Rahmenbedingungen, faire Behandlung, berufliches Glück erfahren.

Jobsuchende wollen ankommen. Coachs sind seltsame Wegführer. Ihr Plan besteht darin, dass sie einen erst einmal zu sich selber bringen. Die Roadmap des Coachs ist stets mehr Wahngebilde als Wegweiser und, wie im Beratungsgeschäft so üblich, nur eine Blaupause für eine Prozedur, die jedes Schäfchen über denselben Kamm schert. Der typische Coach lebt davon, dass er seine Klienten hinter das Licht führt, das er selber nicht ausstrahlt.

Coachs schustern sich was für ihre Betreuungsarbeit zusammen: Aus der Menschen- und Charakterkunde, aus der Verhaltenslehre, aus den Wissenschaften vom Denken, Lernen, Sprechen und zeichenhaft Handeln, aus der Lehre von den Organisationen und der Arbeit, nicht zuletzt aus dem, was die Karriereseiten in der Presse verkünden.

Ich mochte mich noch zu keiner Zeit mit dem Wust aus angelesenen Meinungen, übernommenen Allgemeinplätzen, nicht hinterfragten Selbstverständlichkeiten und herausgepickten wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen. Ich berate präziser, wenn ich mich nicht durch die Euphoriker der Empirie ablenken lasse. Ein Bewerbungshelfer trinkt allein von den Quellen. Man versorgt vielleicht Informationsabfüllbetriebe, man konsumiert nicht ihre Produkte. Ich verstehe aber, dass noch jeder Quatsch mit System eine zahlende Klientel befriedigt, die für Reparaturen am ausgeleierten oder überbeanspruchten Ego am liebsten einen Fachbetrieb für MACHER-ALLÜREN aufsucht.

Ein High-End-Coach verkauft sein akademische Wissen du jour an Manager so:

“COACHING geht von der Ist-Persönlichkeitsstruktur der Führungskraft aus und erarbeitet, gemeinsam mit der Führungskraft, eine Soll-Persönlichkeitsstruktur.

COACHING ist klientenzentriert und problemorientiert und bedient sich eines integrativen Methodenansatzes.”

Es ist genau die Differenz zwischen Persönlichkeit bilden und Persönlichkeit machen, die mich davon träumen lässt, einen ganzen Berufsstand nachsitzen und Besinnungsaufsätze schreiben zu lassen.

Was bringt der integrative Methodenansatz des umtriebigen Persönlichkeitsklempners mehr als Erkenntnis im Dutzend? Fehler tendieren dazu, sich fortzuschreiben. Alles wird schon für irgendwas gut sein. Alles Übergewicht wirft einen aus der Balance. Führ nicht fort, was dich nicht weiterbringt. Mach es noch mal, wenn es erfolgreich war. Wirf es ab, wenn es dich belastet. Spring rüber, auch wenn du Angst hast. Such keine Aussicht, wo eine Wand steht.

Gerade, weil ich für des Lesers Lohn schreibe, empöre ich mich darüber, wie billig sich guter Rat produzieren lässt. Sie wollen im wohligen Gefühl, belehrt zu werden, ein paar Karriere-Regeln abnicken? Bitteschön:

Siedle dich oben auf dem Berg an und nicht hinter dem Berg.

Erledige nicht die Dinge, die sich von selbst erledigen. Weich den Dingen aus, die dich erledigen. Besorg die Dinge, die dich weiterbringen.

Entwickle gegenüber Organisationen Loyalität auf Zeit. Bilde mit Personen Loyalitätsverhältnisse für's Leben.

Nicht, dass einem typischen Coach etwas selber einfallen würde. Sein Engagement erinnert mich sehr an die Mühen der Ameisen im Ideenwald, die abgestorbene Weisheiten aufspüren, aufteilen, fortschleppen und daraus skurile Bauten formen.

Stellen Sie sich einen Schuhmacher vor, der auf die Klage, dass einem der Schuh drückt, weit ausholt und erklärt: Wohin überhaupt des Wegs und wollen Sie ihn, können Sie Ihren Weg überhaupt gehen und sollten wir sowieso nicht zuerst das Ziel besprechen und sollten wir nicht auch vorab feststellen, was für eine Art Wanderer Sie sind, ob Sie eher mit anderen oder für sich allein gehen, ob Sie der geborene Wattwanderer oder eher der Flachland- oder Hügelchentyp sind und woher Sie eigentlich kommen, warum Sie solange getrödelt haben und ob wir mit Ihnen nicht kleinere oder größere Schritte einüben sollten oder getaktetes Ausschreiten oder am besten gleich Hüpfen und ob Sie insgesamt nicht doch erst einmal rasten, auftanken, einen Verbandsplatz für die wunde Seele aufsuchen und im Kreis der Fußkranken gemeinsam Wanderlieder einüben wollen?

Jova-nova-Leser erinnern sich, dass ich für mich bei der Arbeit das Lied meines Meisters summe: I've made shoes for everyone, even you, while I still go barefoot.

Als Kind dachte ich, Schule ist, damit die Schüler nicht auf der Straße herumlungern. (Heute ist manche Schule die schlechtere Straße.) Als Bewerbungshelfer vermute ich, Coaching ist, damit die Coachs nicht auf der Straße stehen.

Coaching ist ein Spiel auf Zeit. Der Coach nudelt seinen Sermon ab und baut darauf, dass, wenn schon die Predigt einen nicht in das Job-Himmelreich bringt, doch zumindest der Glaube an den Prediger gestärkt wird.

Ich bin zu meinem Beruf gekommen, weil es zum Rechnen nicht gereicht hat. In Industrie, Wirtschaft, Handwerk und Dienstleistung wirken tüchtige Leute, bei denen es zum sicheren schriftlichen Ausdruck einfach nicht langen will und die darüber ab und zu, etwa beim Bewerben, verzweifeln. Doch warum wird man Coach? Es ist wie Karriere-Flüsterer sein, ohne eine eigene Stimme zu haben. Das erschwert es mir, mit den Coachs zu reden. Aber ich will wenigstens für sie mitschreiben.

Berlin, 12. 06. 2006 Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com

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Bild © 2006 Gerhard Winkler, jova-nova.com
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