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Bewerbung - Praxisbeispiele
Gerhard Winkler
Lebenslauf. Anschreiben. Noch was? Was es einem bringt, wenn man sich als Bewerber voll einbringt
Strebsame, vor allem junge Jobsuchende möchten sich voll und ganz in Ihre Bewerbung einbringen. Dafür gibt es die sogenannte Persönliche Seite 3. Wenn man sie nicht beizeiten erfunden hätte, würden manche Bewerber vor unterdrücktem Mitteilungsdrang platzen. Gottlob kann man dort sein Inneres aufbohren und den heißen Kern über die dritte Seite verströmen. Nicht zuletzt deswegen sind die Bewerber-Statements auf der PS3 so energiegeladen und eruptiv.

„Offen gesagt kommt mir Ihre Haltung in dieser Beziehung ziemlich arrogant vor,“ mailte heute Sebastian D. „Ihre Kritik an der Dritten Seite kann ich nicht nachvollziehen - die Firmen wollen doch Leute mit Persönlichkeit, interessanten Eigenschaften und Soft-Skills.“

Ich halte es mehr mit Charlotte de Grenadine: „Nichts gegen interessante Verehrer, aber ich bevorzuge die tauglichen.“

Liebe Berufsstarter, liebe Freunde der Dreisamkeit: Mit jeder Bewerbung liefern Sie nicht 4, nicht 3, sondern 2 vollständige Präsentationen ab:

1. Anschreiben
2. Lebenslauf

Beide sind in sich abgeschlossen und komplett eigenständige Textformen. Fakten werden ausgewählt, reduziert, kunstvoll abgemischt und in zwei verschiedene Formen gebracht. Anschreiben und Lebenslauf belegen den selben Jobanspruch. Diese besonderen Arrangements von Bewerber-Informationen gibt es sonst nirgendwo. Werbung funktioniert anders. Ein Geschäftsbrief ist anders. Ein Personalbogen ist anders. Anschreiben und Lebenslauf sind übrigens Mischformen, da sie Elemente von Angebot und Antwort vereinigen. Viele Bewerber überrascht es zu hören, dass sowohl ihr Anschreiben als auch ihr Lebenslauf ein und die selbe Botschaft transportieren: Ich kann es tun und ich will es gern für Sie tun, sofern wir uns einig werden.

Anschreiben und Lebenslauf, beide Präsentationen können für sich allein bestehen und den Bewerberanspruch einlösen. Alles, was man noch dazulegt, sämtliche Nachweise und Dokumente sind nur nachgereichte Belege. Tischen Sie darum keine mächtigen Beilagen auf. Sagen Sie es nicht mit Kopien. Sorgen Sie selbst für den O-Ton. Halten Sie aber daran fest:

Das Anschreiben ist eine ideale Rede.
Der Lebenslauf ist eine ideale Liste.

Sie belegen als Bewerber mit dem Anschreiben Ihre Fähigkeit, wohlgeordnete Sätze zu bilden und ein Thema kurz und bündig darzustellen. Die Metapher vom Vorsprechen auf abgedunkelter Bühne drückt ganz gut die Essenz des Bewerbungsschreibens aus: Sie treten vor, verkünden, was für Sie spricht. Sie sprechen für sich selbst.

Im Lebenslauf demonstrieren Sie dagegen Ihr Vermögen, die Komplexität eines Werdegangs auf die Kernfakten und Hauptthesen zu reduzieren. Zugleich ordnen Sie das so geschickt an, dass ein Empfänger Ihr Arrangement an Informationen als willkommene Serviceleistung auffasst. Machen Sie sich nützlich. Erleichtern Sie ihm seine eigene Arbeit der Personalbeschaffung.

Wenn ein Anschreiben so aufgebaut ist, dass man daraus vollständig ableiten kann, warum man besser Sie als jemand anderen einstellt, dann funktioniert das Anschreiben.

Wenn ein Lebenslauf so beschaffen ist, dass man daraus vollständig ableiten kann, warum man besser Sie als jemand anderen einstellt, dann funktioniert der Lebenslauf.

Wohlgemerkt: Die Fakten, die Botschaft, der Claim – alles ist in Lebenslauf und Anschreiben vollkommen identisch. (Insgesamt versammelt der Lebenslauf aber ein Mehr an Daten.)

Ihre Präsentation liefern Sie schon darum in zwei Versionen ab, weil Sie im Anschreiben Ihr Vermögen zur Synthese und im Lebenslauf Ihre Fähigkeit zur Klassifizierung beweisen. Zu kompliziert? Dann sage ich das besser in einfachen Worten: Im Anschreiben schweißen Sie Ihre Argumente zusammen. In Ihrem Lebenslauf fächern Sie Ihre Argumente auf.

Ihre Darstellung ist auch deshalb zweifach erwünscht, weil je nach bevorzugter Rezeptions- und Arbeitsweise vom individuellen Jobanbieter mal die eine, mal die andere Präsentationsform bevorzugt wird.

Wenn Sie jetzt Themen aus dem Lebenslauf und Anschreiben nehmen und in eine Dritte Seite verlagern, dann schwächen Sie ohne Not Ihre beiden einzigen wirksamen Vorlagen, die Sie für Ihre Bewerberpräsentation einsetzen.

Sie machen aber auch noch einen weiteren strategischen Fehler. Und strategisch meint hier ausdrücklich dumm.

Für jede Präsentation rechnen die Meister der darstellenden Office-Künste mit Adressaten, die keine Zeit haben, die unter Informationsüberflutung leiden, die wenig aufnahmefähig sind, die selbst gehörig unter Druck stehen und die aus Erfahrung stets mit dem Schlimmsten rechnen.

Jobsuchende präsentieren sich insbesondere vor Menschen, die jede Einleitung, jede Begründung, jede Behauptung, jede Beteuerung, jedes Versprechen, jede Floskel, jeden Allgemeinplatz, jede Anbiederung, jede Ankündigung, jedes Eingeständnis, jede Handlungsaufforderung und jede Grußvariante schon zur Genüge kennen. Fast hätte ich geschrieben: Jobanbieter werden mit Bewerber-Statements bis zum Abwinken gefüttert, aber die Floskel bis zum Abwinken stinkt ja schon ein bisschen.

Floskeln kommen und gehen, Bewerberfloskeln bleiben leider bestehen.

Wenn alles, was Bewerber an marktüblichen Satzbausteinen und Pro-Aussagen in Ihre Präsentation einbauen, vom Personaler nicht mehr wahrgenommen wird oder sogar Hautausschlag verursacht, dann verbreiten Sie als Jobsuchender geradezu die Floskel-Krätze, wenn Sie auf Ihrer persönlichen Seite 3 Ihre außergewöhnlichen Soft Skills, Ihre höchst persönliche Einstellung, Ihre überraschende Sicht der Dinge und Ihre gipfelstürmende Motivation verbraten.

Es sind ja doch nicht Ihre eigenen Worte und sie sagen auch nichts über Sie aus. Es sind nur Worthülsen. Dass sie in Büchern und Zeitungen stehen, belegt nicht ihre Relevanz, sondern ihre Inhaltsleere. Soft Skills sind Schnurz-Wörter. Man spickt damit Job-Offerten und Artikel in der Presse. Dem Personaler ist es schnurzegal, ob Sie egal wo in Ihrer Bewerbung Soft Skills auflisten. Es sind keine Heiligen Wörter, deren Nachbeten beweist, dass man den Job verstanden hat. Schnurz-Bewerber beweisen nur eins: Sie glauben, dass Nachplappern hilft.

Jeder wird alles Mögliche über sich behaupten. Das mag sogar gut gehen, solange der Jobanbieter denkt: Wenigstens hat er den Talk drauf.

Doch Ihr Konkurrent, der konkret, faktisch und anschaulich argumentiert, der seinen Claim durch Belege und Referenzen absichert und der seine Präsentation so einfach wie möglich hält, der wird Sie unweigerlich schlagen. Persönliche Stärken behauptet er nicht, er belegt sie. Dafür braucht er auch keine weitere Gimmick-Seite.

Es reicht heute nicht aus, bloß das Richtige in der richtigen Umgebung gelernt und getan zu haben. Es reicht nicht aus, sich auf dem Ausbildungs- und Jobmarkt einerseits flink und flexibel, andererseits vorausschauend und planend zu verhalten. Es reicht nicht aus, Erfolge zu sammeln. Es reicht nicht aus, sein Potential an Fähigkeiten und Kenntnissen ständig weiter zu entwickeln. Es reicht nicht aus, sein Adressbuch zu füllen und sein Kontaktverhalten auf ein Hunzinger-Niveau zu hieven.

Job-Gewinner wissen: Um sich zu vermarkten haben sich Bewerber stark, faktisch und eindeutig zu präsentieren. Jede Präsentation besteht aus einer intelligenten Auswahl der Mittel – im Grunde beruht ihr Erfolg auf Selbstdisziplin und Konzentration auf das Wesentliche. Die Bewerber-Seite 3 ist aber ein Seitentrieb des Anschreibens. Man weitet damit aus, was verdichtet gehört. Man klopft auf Blech. Man wirft die Nebelkanone an. Man verwässert, anstatt zu konzentrieren.

In einem kompetitiven Umfeld ist eine Bewerber-Präsentation am besten darauf ausgelegt, dass der Empfänger nicht anders kann, als einen wahrzunehmen und zu unterscheiden. Mit Plastikwörtern baut man kein Profil auf. Und wer Bewerbern Zusatzblätter einredet, der hat selber die Textsorten nicht verstanden. Der versteht im Grunde auch nichts vom Geschäft des Bewerbens
.

Sie merken: Bewerber erhitzen sich auf der Seite 3, Berater über die dritte Seite. Auf meine Tirade antwortete Sebastian D. mailwendend. Den Schlusssatz kommentierte er so: "Diese Behauptung ist ebenso deutlich wie fragwürdig. Zum Einen gibt es immer verschiedene Wege zum Ziel. Dass Sie andere Wege derartig abqualifizieren, ändert meiner Meinung nach nichts daran. Zum Anderen werden i.A. Dritte Seiten nicht eingeredet, sondern eher als eine Option aufgezeigt. Nach meinem Empfinden geben Ihre Berater-Kollegen verschiedene Wege vor, während Sie sich auf einen festgelegt haben. Warum sollte es nicht mehrere Möglichkeiten geben?"

Warum sollte ich, wenn ich den direkten Weg weiß, Umwege empfehlen? Zwar thematisiere ich auf jova-nova.com die verschiedenen Wege zum Job. Aber eben keinen Irrweg. Tatsächlich propagiere ich als Berater nur ein Konzept, dazu ein paar Skripte und Routinen. Und ich halte es für unethisch, auf ein optionales Konzept zu verweisen, das nicht funktioniert. Legen Sie als Bewerber darum nicht noch und noch ein Blatt drauf. Quackeln Sie den Jobanbieter nicht an. Geben Sie nicht eilfertig Versicherungen ab. Ein Personaler ist erwachsen, er kann denken und was er sich denkt, wenn Sie ihn mit Klingklang vollsäuseln, das malen Sie sich mit einem schwarzen Stift selbst aus.

Die berufliche Selbstvermarktung ist eine heikle Aktivität, weil man doch stets zu viel von sich hergibt und ausnahmslos getroffen ist, wenn es nicht klappt. Allzu persönlich zu werden ist keine gute Option. Trennen Sie um Ihres eigenen Seelenfriedens willen Ihr privates Ich von Ihrem professionellen Ich und geben Sie dem Jobanbieter nur, was des Jobanbieters ist. Den schönen Rest erzählen Sie jemand anders.

Ostrach, 27.04.2004


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