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Von Brüssel erdacht, von Profis ausgelacht: der Europäische Lebenslauf

Brüssel hat eine europaweit gültige Lebenslaufvorlage in Umlauf gebracht. Das erfüllt einen alten Traum verunsicherter Bewerber. Endlich ein Formular, das so gut wie amtlich ist. Da freut sich mancher Trainer, der in seinem Integrationskurs für angehende Spargelstecher ja auch den Pflichtteil Schriftliche Bewerbung abzudecken hat. Lottoscheine und Leistungsanträge sind narrensicher benutzerfreundlich. Endlich folgt der Lebenslauf.

Tatsächlich wird der Europäische Musterlebenslauf seit einiger Zeit in Maßnahmen und Outplacement-Trainings propagiert. Auf den Schreibtischen der Jobanbieter und auch in meiner Mailbox landen zunehmend abenteuerliche Varianten.

Höchste Zeit für ein klares Wort: Der European CV ist sicher noch dümmer als der dümmste Europäer, für den er erdacht ist. Aber er ist immer noch nicht ganz so dämlich wie seine Verfasser.

Grund: Ein tabellarischer Lebenslauf ist kein Formblatt. Er ist ein Bauplan. Das Ergebnis, Ihr eigener Lebenslauf, besteht fast ausschließlich aus Ihren eigenen Daten. Und die werden so angeordnet, dass der erste Blick eines Personalmenschen auf das stärkste Pro-Argument fällt.

Der europäische Lebenslauf ist aber nicht auf maximale Wirkung zugeschnitten. Die halbe Textmenge besteht aus unnützen Eingabeanweisungen. Einige der abgefragten Angaben sind dermaßen daneben, dass selbst ein geübter Bürokratenversteher nicht darauf kommt, was sich Brüssel dabei gedacht hat.

Der europäische Lebenslauf verkennt vor allem: Die Kunst zu informieren besteht darin, Information wegzunehmen.

Die Formular-Entwerfer verstehen es nicht. Darum hat man dem European CV auch einen prächtigen Titel gegeben: Europass Lebenslauf. Ganz so, als ob es eine Kennzeichnungspflicht für eindeutige Textsorten gibt. Dort, wo Lebenslauf drin ist, braucht aber keinesfalls Lebenslauf drauf stehen.

In der linken Spalte wimmelt es von Feldbezeichnungen. Klar, sagen die Umstandskrämer. Sonst wüsste der Formularbenutzer womöglich nicht, dass er sein Guiseppe de Cul in das Feld Name und 641, rue de Fockup, Paris in das Feld Adresse zu tippen hat.
Warten auf EUROSWIM Europäisches Freischwimmerabzeichen
Noch einmal für alle, die sich bewerben oder die in Deutschland Jobsuchende coachen: 
In die linke Spalte des Lebenslaufs kommt nur ein Minimal-Set an Spaltentiteln. Und links vermerken Sie auch in Zahlenform die Zeitangaben. Monatsgenau. Steht links mehr als nur diese fünf bis sieben Überschriften und Zeitdaten, dann taugt das Ganze nichts. Grund: Der Lebenslauf trägt sich selbst. Er braucht kein Stützgerüst.

Ein Höhepunkt an formalistischer Benutzerführung sind die Abfragen zur beruflichen Praxis. Beispiel aus dem realen deutschen Bewerberleben:

Datum (von - bis) Von Januar 2004 bis Dezember 2004
Name und Adresse des Arbeitgebers MYGOODNESS GmbH, Ludwigstr. 88, 70370 Stuttgart
Tätigkeitsbereich oder Branche Transfer- und Qualifizierungsgesellschaft
Beruf oder Funktion Projektassistentin
Wichtigste Tätigkeiten und Zuständigkeiten Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen und Weiterbildungsprojekten
- Berufsorientierungstraining
- MS Word
- MS Excel
Machen Sie es bitte ganz anders. Setzen Sie das Datum in die linke Spalte. Stellen sie Ihre Position voran. Name plus Rechtsform und Ort genügen, um den Arbeitgeber eindeutig zu bestimmen. Ob Sie die Branche oder die Abteilung angeben, hängt davon ab, ob die Info relevant ist. Bullet-Listen bewirken, dass die Jobbeschreibung auseinander fällt. Punkt um Punkt macht kein Profil. Verdichten Sie unterstützende Angaben zum Textblock, sonst zerfällt Ihre Präsentatation.

Wenn Sie es soweit haben kommen lassen, dass Sie sich aus einer Transfergesellschaft heraus bewerben gilt: Sie lösen Ihr Vermarktungsproblem nicht, indem Sie einen Personaler mit der Nase darauf stoßen, dass Sie gerade massive Unterstützung in den nicht so komplizierten Dingen des Berufslebens wie Berufsorientierung, Word und Excel erhalten

Der europäische Lebenslauf verwendet eine durchgezogene Linie als Spaltentrenner, damit das Auge ganz sicher bei jeder neuen Zeile hängen bleibt. Informationsdesign heißt für die Europa-Basteltruppe eben, dem Verschönerungstrieb nachzugeben. Dafür hat man nicht erkannt, dass sich zwei Spalten auch in ein harmonisches Seitenverhältnis setzen lassen. So ist das Verhältnis nicht ausbalanciert und die rechte Spalte macht sich leseunfreundlich breit.

Der European CV lässt keine Referenz auf eine Angestrebte Position zu und erlaubt nicht, dass man das Hauptargument dort hinstellt, wo es der Jobanbieter zuerst wahrnimmt.

Insgesamt hat der European CV fast mehr Spaltentitel als Europa Mitgliedsländer. So werden Auslandsaufenthalte als eigene Rubrik herausgestellt. Ach, Europa, es ist doch heute normal, zeitweise im Ausland zu lernen und zu arbeiten.

Auch Sprach- und Computerkenntnisse erhalten separate Rubriken. Die Sprachlichen Fertigkeiten sind zudem in Lesen/Schreiben/Sprechen/Stöhnen untergliedert. Wozu? So was fragt doch nur die Tante von der Volkshochschule ab, um den passenden Sprachkurs zu empfehlen. Alle Sprachkenntnisse rubriziere ich zusammen mit den EDV-Kenntnissen unter Kenntnisse und Fähigkeiten. Passive Kenntnisse markiert man mit fachsprachensicher.

Besonders abseitig ist die separate Rubrik Muttersprache. Der zugrunde liegende Gedanke lautet wohl: Wo Multi der Kult, leg deine Sprache aufs Pult. Falls die Muttersprache von der Sprache des Lebenslaufs abweicht, notiere ich das unter Kenntnisse und Fähigkeiten.

Am auffälligsten ist sicher, dass der Musterlebenslauf auch Soziale und Organisatorische Fähigkeiten und Kompetenzen herausstreicht. Nehmen wir uns an den Händen und singen wir gemeinsam: Piep, piep, piep. Brüssel hat uns lieb. Authentischer Eintrag in einem mir zugeschickten Lebenslauf: Freundlicher Umgang mit Mitmenschen erworben u.a. in einer multinationalen Familie sowie langjährige Erfahrung in der Betreuung ausländischer Kollegen.

Eine Kollegin von mir findet dies sogar gut: Gerade die Möglichkeiten, in Zukunft auch informelle und nicht formal erworbene Kompetenzen mit einbeziehen zu können, hebt ihn als positives Beispiel hervor. Sie sieht vor allem Chancen, dass sich damit arbeitslose Menschen oder Mütter an der Schwelle zum beruflichen Wiedereinstieg ihrer Stärken versichern und zugleich prima Profi-Argumente aus ihrem Privatleben fischen.

Ich kann jeden Jobsuchenden nur warnen: Notieren Sie in Ihrer Bewerberpräsentation keine bloßen Ich-Aussagen. Verwechseln Sie Familien-Management nicht mit Management. Bloße Behauptungen über irgendwelche Ersatzstärken sind Steilvorlagen für Sofort-Absagen. Wenn das, was Sie an jobrelevanter Erfahrung aufschreiben, unter ihren Händen zerbröselt, dann haben Sie nur eine Chance: Setzen Sie Ihre Person ein und vermarkten Sie sich direkt.

Für die Bewerberpräsentation gilt schließlich die eiserne Regel: Wenn es weder Berufliche Praxis ist noch Ausbildung und auch nicht Kenntnisse & Fähigkeiten oder Mitgliedschaften oder Engagement, dann lässt man es einfach weg. Es gibt kein Sonstiges im Lebenslauf.

Außer natürlich im europäischen CV. Unter Sonstige Fähigkeiten und Kompetenzen notierte die Teilnehmerin eines Berufsfindungskurses: Sehr gute Rechtschreib- und Zeichensetzungskenntnisse, erworben durch Lesen.

Liebe Bewerber in Europa und Deutschland: Ziehen Sie bitte keine Argumente an den Haaren vorbei.

Meine sonstige Erfahrung als Leiter des ISF Instituts für Selbsterklärende Formulare an der Ravensburger SOLE e.V. sagt mir: Je leichter man Mitmenschen etwas per Formular machen will, desto weniger wird dieses Formular von den Benutzern verstanden.

Und Brüssel wollte den Arbeitssuchenden alle Arbeit der Selbstpräsentation abnehmen. 
Doch kein Bewerber von Vernunft, Statur und Stolz wird sein Profil in eine gleichmacherische, formalistische, von Info-Müll strotzende Vorlage zwängen wollen.

Lassen wir uns die Freude an der beruflichen Selbstdarstellung, an der geschickten Profilierung, am eigenen Erfolgs- und Leistungswillen nicht ersticken. Das Leben ist sowieso schon überbürokratisiert. Wir werden bereits viel zu sehr von den Inkompetenten bevormundet. Verweigern wir uns lokal, regional und global dem European CV.

Ostrach, aber ich wollte, ich wäre in Terrapin Station, 02.05.2005 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com

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