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Schreiben. Eine Kurzanleitung. Diese Tipps wenden sich an alle, die nicht gern schreiben. Auch an jene, die das Lesen geradezu hassen. An meinen Nachbar zum Beispiel. Der schleppt nach Feierabend ganze Baumstämme in seine Garage, richtet unter Borke und Rinde ein riesiges Geschnetzel an und treibt sodann schweres Gerät durchs offene Holz. Alles nur, um ja nicht abends lesen zu müssen. Dem Freizeit-Holzwurm nebenan und allen Heimwerkern sei es ins Stammbuch geschrieben: Zumindest beruflich bedingt müssen Sie in Zukunft doch vermehrt lesen & schreiben. Um zu erfahren, warum das so ist, hangeln Sie sich einfach tapfer durch diesen Text. Am Ende belohne ich Ihre Geduld mit einigen praktischen Tipps. Zunächst jedoch ein historischer Rückblick: Eine Studienkollegin hatte eine schriftliche Arbeit abzuliefern. Sie brachte ihr Zimmer in Ordnung, radelte in die City, verbrachte eine kurze Stunde im Café, fand dann einen Blazer, blätterte durch schön gemachte Bücher und traf auf einen vielversprechenden Buchhändler. Endlich wieder daheim fiel sie in einen unruhigen, aber ausgedehnten Nachmittagsschlaf. Statt abends energisch an ihre Arbeit zu gehen, verweilte sie mit uns am Teekessel und jammerte etwas von mental bedingter Schreibhemmung. "Ja, aber", werden die fixen unter den Lesern jetzt einwenden, "warum setzte sich die arme Frau nicht einfach an den Computer?" Konnte sie nicht. Das gabs nämlich nicht. In den grauen Achtzigern wollte das Schreiben so gar nicht flott von der Hand gehen. Jene scheußliche Epoche der Schreibblockade, des plötzlichen Tippexitus und der manuellen Zeilenumschaltung ist eigentlich passé. Die wenigen Spuren vergilben im Schuhkarton der Technikgeschichte. Warum zuletzt auch die Pädagogen noch schnell den Griffel abgaben? Und sich auf eigene Kosten teure Aldi-Towers anschafften? Selbst wenn das O-Schulamt dazu kein Vormittagseinführungsseminar anbieten wollte? - Das ist schnell erklärt: Digital zu texten ist sehr viel leichter als Buchstaben zu malen. Das ist sogar lehrerleicht. Machen wir uns nichts vor: Eigenhändig zu schreiben, das verlangt einfach zuviel an Koordination, Konzentration und Geläufigkeit. Klar, es ist sehr schön, handschriftlich auf handgeschöpftem Papier Hohe Lieder auf die hübschen Hände einer Handwerkerin zu verfassen. Wie es auch eine schöne Herausforderung darstellt, eigenhändig die Sixtinische Kapelle mit Fresken auszumalen. Aber nicht unbedingt für Mike und Angelo und uns andere Sterbliche. Schreiben ist mit dem PC kein Schrecken. Einige Amateure denken, dass Schreiben im Kopf passiert. Irrtum. Schreiben war schon immer überwiegend Handarbeit. In der Schule ist alles Schreiben mühsam, klecksig und schwer zu handhaben. Doch jetzt wird es Zeit, endlich frei und unbeschwert drauf los zu tippen. Seien Sie froh, dass es dazu die perfekte Maschine gibt. Wenn mein Nachbar beim Durchlöchern einer Buche abrutscht, tut ihm das sehr weh. Mein Mac verzeiht mir alles. Und auch Sie müssen weder eine Feder akkurat übers Papier führen, noch eine diffizile Mechanik in Gang setzen. Texten auf PC heißt also, in Denkgeschwindigkeit zu tippen. Nichts ist ein angenehmerer Schreibgefährte als mein Powerbook. Dagegen war Gabriele 9009 von Triumph-Adler geradezu zickig. Schreiben heißt überschreiben Die Schreibe großer Geister ist bekanntlich ein gleichmäßig sprudelnder Quell klar ausformulierter Gedanken. Wir Normalgeister dagegen sitzen auf dem Trockenboden der Inspiration und müssen immerzu ändern, ausbessern, umstellen, streichen. Oder aber in G.'s Namen einen neuen Plan fassen und noch einmal von vorn beginnen. Wer behauptet, das alles ginge leicht auf Papier, der ist entweder Dostowjewski oder ein Idiot. "Na schön", mögen Sie jetzt sagen. "Texten und formulieren klappt mit dem Computer um einiges leichter. Darum ist Deutschland heute ja ein blühender Dichtergarten. Doch selber tippen? Womöglich auch noch Fax und Kopierer bedienen und der Chefin Schonkaffee kochen?" - Dafür hätten Sie nicht studiert, sagen Sie. Auch Ihren Bildschirmschoner wollten Sie bei seiner Arbeit nicht stören. Müssen Sie doch. Ihre Personalplaner haben nämlich schon längst begriffen: Das Ende des Tippex war auch das Ende der klassischen Schreibkraft. Weshalb vor ein paar Jahren den Schreibspezialisten zunehmend gekündigt wurde und PC-Trainer sowie Netzwerkspezialisten auch heute noch Hochkonjunktur haben. Die Überlebenden von Einsparungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen müssen mehr selbst tun, werden zunehmend gefordert, dafür wird ihr Berufsleben um einiges spannender. Denn die flotte digitale Distribution von Informationen begünstigt das Zusammenschließen virtueller Projekt- und Arbeitsgruppen. Spontan und informell kommt man zusammen, verständigt man sich, kooperiert man. So manche Kontrollinstanz wird deshalb überflüssig werden und den betriebsbedingten Abschied nehmen müssen. Schauen wir doch einmal, ob wir nicht doch eine oder zwei Hierarcheebenen über uns einsparen können: Wir tippen die Reports einfach selbst. Die Alternative heißt: mitschreiben oder draußen bleiben. Die Diktatoren von früher sind die Textverarbeiter von heute. Dutzende Mails liest - genauer: überfliegt - täglich der Sachbearbeiter in einem beliebigen Büro. Der Siegeszug der elektronischen Post liegt nicht nur daran begründet, dass sie billig ist und bequem, sondern dass jeder, angefangen vom CEO einer Biotech bis hin zu Onkel Egbert vom gleichnamigen Spreewaldgurkenhandel auf Anhieb Mails tippen senden empfangen ablegen kann: Leute, die nicht berufshalber schreiben, glauben, E-Mail und Textverarbeitung wäre die neue Schwarze Kunst. Dabei reicht es für digitale Korrespondenz vollkommen aus, wenn man überhaupt nur die Tasten trifft. Glauben Sie nicht, das hier Gesagte träfe nur für Angestellte großer Unternehmungen zu. Das Geschäft von Handwerkern, Dienstleistern, Kleinstunternehmern braucht Märkte und Gelegenheiten. Marktplätze sind aber medial vermittelt. Alle, die auf Klienten oder Kunden zugehen, offerieren Dienste und präsentieren sich irgendwie. Internet und Mail sind die Sofort-Erfolg-Marketinginstrumente für alle kleinen Leute mit Null-Budget und großen Plänen. Kurzum, liebe Zeitgenossen, wir erfahren eine neue Revolution. Die Hälfte von uns wird ein Schreibvolk. Die andere Hälfte verkriecht sich in Garagen und fräst vor sich hin. Vielleicht helfen diese Ratschläge bei der Neupositionierung zum schreibenden Informationsverarbeiter. Ganz sicher nutzen meine Ratschläge Ihrer schriftlichen Bewerbung: Tip 1: Lernen Sie Maschinenschreiben Kaufen Sie ein gutes Programm und bringen Sie es sich selbst bei. So viel Zeit braucht das nicht. Und ohne Investition kein Ertrag. Ihr zeitlicher Aufwand zahlt sich schnell aus. Tipp 2: Schreiben Sie täglich Lernen Sie, sich mitzuteilen. Nutzen Sie Ihre neu erworbene Tippfähigkeit und korrespondieren Sie fleißig. Im Internet, in den Newsgroups finden Sie tausend Anlässe. Glauben Sie mir: Die Gedanken, Einfälle, Sätze kommen von allein mit dem Anlass. Jemandem etwas schreiben ist unserem mobilen Alltag eine besonders nette Art von Aufmerksamkeit. Setzen Sie handschriftliche Grüße, Glückwünsche, Kurzbotschaften aller Art immer dann ein, wenn Sie einer Person zeigen wollen, wie wichtig sie für Sie ist. Formulieren Sie Ihre Gedanken zuerst am PC und schreiben Sie's dann in's Reine. Tip 3: Keine Umwege Was ist Ihr Anliegen? Was haben Sie zu sagen? Worauf wollen Sie hinaus? - Leser führt Moby Dick aufs Meer, Parzival in die Welt und Don Quichotte in die Pampa. Sie aber bringen alle Ihre Leser stets ohne Umschweife zum Kern der Sache. Tip 4: Einfacher ist besser Vergessen Sie niemals: Schreiben ist die Fortsetzung des Redens mit anderen Mitteln. Schwulst, Scharping, Schmonzes und Gestelztheit mögen Sie selber weder hören noch sehen. Tip 5: Schreiben Sie nicht ins Blaue Wer wird das lesen? Wie spricht man diesen Menschen am besten an? Welches Vorwissen haben Ihre Leser? Welche Informationen müssen Sie ihnen notwendigerweise liefern? Womit sind sie zu gewinnen? Tip 6: Machen Sie einen Plan Ihre Sätze sollen wohlgeordnet sein wie eine Kiste Schokoküsschen und nicht kunterbunt aneinanderkleben wie eine Tüte Gummibären. Sie selbst behalten dadurch den Überblick und übersehen bzw. vergessen nichts so leicht. Genau wie Ihre Leser. Beachten Sie einfach die guten alten W-Fragen (nach W.W. Winkelmann): Wer? Was? Warum? Wo? Wann? Wie? Tip 7: Erst schreiben, dann feilen Inhalt kommt vor Form: Bringen Sie zunächst alles, was Sie zu sagen haben, auf den Bildschirm. Form folgt dem Gehalt: Wenn Ihre Ausführungen erst einmal stimmig sind, müssen Sie meist nicht mehr allzu viel arrangieren. Beim Aufschreiben (wie beim Lesen, Lieben und Schnippeln von Salatzutaten) müssen Sie sich nicht an eine Reihenfolge halten. Notieren Sie erst einmal, was Ihnen einfällt und grübeln Sie nicht darüber, was Ihnen an dieser Stelle einfallen sollte. Später markieren Sie einfach einzelne Argumente oder Gedanken und schieben sie diese mit der Maus an die richtige Stelle. Tip 8: Pfuschen Sie nicht Pfuscher sortieren nicht ihr Datenmaterial und spulen gleichgültig Bandwurmssätze ab. Sie spucken allzu lässig Floskeln und Phrasen aus. Sie variieren nicht. Es sind eben Leute, denen ihre Wirkung egal ist. Ebenso nervig die Konstruktivisten ("wurde abgeschlossen", "wurde verfasst"). Passive und unpersönliche Wendungen drücken immer eine bestimmte Auffassung über die Weltordnung aus. Vor allem aggressiv-passive Nervensägen verwenden bevorzugt Passivsätze. Muss ich noch deutlicher werden? Tip 9: Setzen Sie Ihre Zeit und Mittel ökonomisch ein E-Mail und Memos gehören zum informellen Schriftgut. Formulieren Sie gerade heraus, ohne Förmlichkeiten. Jagen Sie aber jede Nachricht vor dem Versenden durch die Rechtschreibprüfung. Ausnahmslos. Nehmen Sie sich dagegen für Angebote, Anschreiben, Mitteilungen, Exposés, Berichte, Flyer immer die notwendige Geduld. Mit der Zeit verfügen Sie über ein Repertoire an persönlichen Text- und Layoutvorlagen. Lernen Sie Ihre Textverarbeitung kennen. Machen Sie sich die Mühe, definieren Sie Layoutvorlagen und Makros. Bauen Sie zum effizienten Rechtschreib-Check ein persönliches Wörterbuch auf. Greifen Sie auf andere Wörterbücher und Lexika zurück. Sie haben keine? Sicher besitzen Sie tausend Schmöker, in die Sie niemals reinschauen. Geben Sie den Schamott (Scha mott, der; -s [H. u.] (ugs. abwertend): unnützes, wertloses Zeug) doch für die wirklich praxisnotwendigen Nachschlagewerke in Zahlung. Geben Sie an Projekten ab, was über Ihre Kräfte oder Ihr Vermögen geht. Ihre Windows-Programme sind auf den kaufmännischen und administrativen Alltag ausgerichtet. Für Publikationen und andere Designprojekte taugen sie nur sehr bedingt. Obendrein verlangt Gestaltung Spezialwissen und praktische-manuelle Fertigkeiten. Wenn Sie wissen, was Ihr Geschäft ist, wenn Sie Ihr Anliegen klar formulieren können, dann sparen Sie sich teure Berater, Consultants, Texter und Marketingspezialisten. Finden Sie aber immer jemanden, der Ihnen Korrektur liest. Oder lesen Sie Ihre Texte sorgfältig rückwärts - Wort für Wort. Tip 10: Bringen Sie's zu einem guten Ende Sie haben Ihr wertvolles Dokument einen Tag ruhen lassen, dann noch einmal kritisch geprüft. Ihre dreizehnjährige Tochter hat es gelesen und den Inhalt verstanden. Aber irgend etwas fehlt noch. Ein passender Ausstieg. Ein Fazit. Ein Herzwärmer. Ein positives Signal. Was immer angemessen ist und wirkt. Geniale Schriftstücke gleich welcher Art enden oft mit einer Handlungsaufforderung: "Küß mich, Frosch" - "Rufen Sie mich an" -"Wann darf ich mich persönlich bei Ihnen vorstellen" - "Schreiben Sie mir Ihre Meinung". Selbst aktiv werden, kommunizieren, teilhaben und mitgestalten - das begreifen viele als Zumutung und nicht als Chance. Mein Vorschlag: Gehen Sie hinunter zum großen virtuellen Strom der Informationen. Tauchen Sie erst einmal ab. Lernen Sie schwimmen. Sie werden davon profitieren. Im Beruf wie im Privatleben. Berkeley (CA), März 1998/überarbeitet 12.8.2002 Seitenanfang |
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| Schreiben Sie mir - zum Beispiel, wenn ich Ihnen eine Bewerbung durchschauen soll. Ich heiße Winkler und es ist immer eine gute Idee, die Mail mit einer persönlichen Anrede zu beginnen. Stellen Sie sich kurz vor. Wer Sie sind, was Sie tun. Formulieren Sie Ihr Anliegen aus. Es gibt viele nette Grußformeln für den Briefschluss. Verwenden Sie eine davon. Schreiben Sie einfach. Das Leben ist sowieso kompliziert genug. | |||||||
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