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Mit vollem Calmund in Richtung Karriere
Um Bild mit Gewinn zu lesen ist es nicht notwendig, dass man es zu nichts gebracht hat. Aber es hilft.


Als kleiner Bewerberberater bin ich nicht dazu berufen, das Wirken der großen Bild zu kommentieren. Mir muss reichen zu wissen, dass jeder Leser bekommt, was er verdient, und zu hoffen, dass die Bildmacher einmal für das bezahlen, was sie tun.

Allerdings bringt Online-Bild jetzt die besten Karriere-Tips von Rainer Calmund. Der hat es zumindest im Bild so weit nach oben gebracht, dass er nur noch von unten fotografiert wird. Unterstützt wird Leistungsträger Calmund von Roland Tychi, der sich anscheinend kometengleich zum Euro-Chefredakteur hochgefunkelt hat. Bei dieser speziellen Karriere-Gelegenheit muss Tychi aber ganz ohne Konterfei auskommen. Dafür gibt's auf Bild ein Gruppenbild von Herrn Calmund (vorn) beim Klassenausflug mit dem Karrierejahrgang 1984. Es gibt nichts im Leben, was man nicht zum ersten Mal tut, denke ich, als ich um meines beruflichen Wissensabgleichs willen durch Bild scrolle.

Bild-Frau Juliane Böthner betitelt ihren Online-Aufmacher über die Experten-Tipps so:
„Wer nach oben will, muß auch Dreck fressen“. Frau Böthner kehrt da mit hartem Besen. Mag sein, sie schließt ein bisschen zu schnell vom Schluckverhalten ihrer Kollegen auf die kosmischen Regeln der Arbeitswelt. Dass es alleweil durch den Staub zu den Sternen geht, ist ja eine schöne Devise. Doch wo beobachtet man sicher, dass Abstauber Dreck fressen? Auf dem Bolzplatz.

Neun Tipps legen Calmund und sein Karriere-Assistent Tycho, Pardon, Tychi vor. Der zweite lautet
Fortbildung und ich denke, man muss ihn schon ganz zitieren, um ihn nicht zu verstehen:

“Lassen Sie Ihren Boß wissen, was Sie wollen. Chefs sind in diesen Zeiten so sehr damit beschäftigt, ihren eigenen Sessel zu retten, daß sie die Entwicklung der Mitarbeiter vernachlässigen. Informieren Sie sich selbst über die Möglichkeiten im Unternehmen, und fordern Sie diese ein. Wenn er blockt, bilden Sie sich privat weiter.”

Ich vermute, Calmund und Tychy haben abgemacht: Zum Aufwärmen schreibt jeder zwei Sätze und dann mischen wir.

Mein eigener Tipp zum Thema Fortbildung:

Lern früh von den Besten. Such sie dazu dort auf, wo sie lehren oder arbeiten. Lern aus eigenem Antrieb. Prüfe, was dir zu lernen angeboten wird. Hör nie auf zu lernen. Lern, in einer Weltsprache und in deiner Muttersprache eine ungezwungene Konversation mit fremden Menschen zu führen.

Den Karriere-Toto-Tipp eins hatte die Bild-Redaktion sicher noch von der grandiosen Verwurstung Deutschland sucht den Superstar übrig. Er propagiert
Sich selbst kennen: „Nur wer weiß, was er kann und wohin er will, kann auch überzeugend auftreten.“ Nicht ungefährlich. Im Künstlerdrama führte jähe Selbsterkenntnis bekanntermaßen zur Existenzkrise. Doch wo nichts ist, da kann auch nichts problematisch werden.

Als starke Karrieresignale habe ich in meiner Arbeit Selbstgewissheit, Bestimmtheit, Eindeutigkeit, Beharrlichkeit, Berechenbarkeit und eine gute Kinderstube ausgemacht. Jeder kann mehr aus sich machen, sofern er seiner selbst gewiss ist. Auch wer eine Sache präsentiert, präsentiert natürlich sich selbst mit. Noch tendiert man in der Industrie aber dazu, hinter die Sache zu treten, wenn man eine Sache vertritt. Sich verhalten heißt im Beruf sich einstellen. Die Situationen wechseln, die Anforderungen auch.

Um Selbstmarketing geht es in Tipp drei. Unsere beiden Karriere-Gurus und Eventmanager drehen voll auf:
„Tue Gutes und rede darüber: Melden Sie sich zu Wort, in Konferenzen, beim Mittagessen oder beim Abend-Event, und fallen Sie durch gut durchdachte Beiträge und ihre Erfolge auf.“ - Wem der Calmund voll ist, dem läuft das Herz über. Berufliche Selbstvermarktung beschränkt sich allerdings nicht auf die Unternehmenskommunikation von Schreihals & Co. Es gilt wohl eher der Rat: Tu Gutes und lass es dir bestätigen. Karriere geht voran, wenn andere die eigene Leistung, die eigenen Erfolge spiegeln.

Tipp drei hat noch einen zweiten Teil:
„Je höher man aufsteigt, um so mehr sitzt Ihr Boß im Vakuum. Ihr Chef und auch der Ober-Boß wissen oft gar nicht, wo wirklich die Schwachpunkte im Unternehmen liegen. Lassen Sie ihn an Ihrem Wissen teilhaben.“

Dass die Herren da oben keine Ahnung haben, was wirklich abgeht, ist als Redefigur uralter Käse. Man kopple das mit dem Vorhaben, dem Oberboss einmal klar zu geigen, welche Kollegen auf der Etage die eigentlichen Schwachpunkte sind. Was kommt dann heraus? Stinkerkäse.

Man sieht, die eigentlichen Schwachpunkte dieser Tipps liegen in den Tippgebern selbst. Das Imperium präsentiert ausgesprochenes Absteiger-Denken. Der Trick bei Bild: Der Schwachsinn ist selbstredend.

Ein toller Vorschlag ist Tipp vier zu
Körper und Stimme: „Stehen Sie aufrecht und locker, setzen Sie eine offene, einladende Gesten ein, trainieren Sie Ihre Stimme - das überzeugt mehr als der tollste Vorschlag.“ Tschaka, das sitzt. Wieder lassen die Tippgeber eine alte Proll-Weisheit aufleben. Den schlimmen Verdacht aller Wasserhäuschen-Bewohner, dass die da oben allesamt nur so tun als ob, den müssen uns Tich und Calmund leider bestätigen. Man möchte im Raum sein, wenn Tichy und Calmund vortragen.

Verlierer-Geschwätz als Karriere-Tipps zu verkloppen. Das ist entweder der Gipfel an Looser-Verarschung oder Calmund und sein Vize verstehen selber nicht, was sie da in lichte Höhen aufgetrieben hat.

In Tipp fünf wird man aufgefordert, sich einen
Mentor zu suchen. „Am besten sollte er aus einer anderen Abteilung und ein paar Stufen über Ihnen und Ihrem Chef sein. Seine Tips und Verbindungen können Wunder wirken.” - Es ist nicht zu fassen. Worauf habe ich mich da nur eingelassen. Was ist aus mir nur geworden, dass ich mich an der Schwelle des Alters in der Sinngebung von Bild-Tipps versuche. Warum kann ich nicht auf meiner eigenen Web Site bleiben? Ist auf jova-nova.com nicht genug zu tun? Klienten warten, während ich mich über das müde Clownsgesicht eines Karrieredarstellers enerviere. Weh mir. Armer Calmund, großes Kind. Was in seinem Namen in Umlauf geht, hat die Konsistenz von Kinderrotze. Darüber räsoniert man nicht, das wischt man ab und ignoriert es.

Schnell auf, zu Tipp sechs,
Netzwerke: “Halten Sie Kontakt zum Pförtner, zu anderen Abteilungen, zum Aufsichtsrat. Nur wer weiß, wo demnächst eine Stelle frei wird, kann sich ins Spiel bringen.” Ach, Calmund. Ich seh dich unterm Dach mit dem Aufsichtsrat plaudern und tags drauf mit dem Pförtner Personalpläne wälzen. „Wissen ist Macht,“ erkennt Bild. Soviel ich weiß, möchte ich ohnmächtig werden. Ich habe den Calmund-Karriere-Blues. Wie lässt es sich nur in einer Welt leben, von der man annehmen muss, dass sie so tickt, wie Calmund, Litschi, Frau Böthner sie beschreiben. Lasst mich hier raus, ich bin kein XXL-Berater.

Nein, ich schaffe es heute nicht mehr bis Tipp neun. Tut mir leid. Wenigstens noch Tipp sieben:
„Kleiden Sie sich für die Position, die Sie anstreben.“ Ja, Big Mama Calmund, das Thema Kleidung wird die Tennissockenträger plätten, aber mir platzt selber gerade der Kragen. “Lösen Sie Probleme, anstatt welche zu schaffen, wo keine sind.” Von mir aus, aber sagen Sie im Jobinterview bitte nie, dass Sie ein Problemlöser sind. Endlich Tipp neun. Unternehmer im Unternehmen. Die alte Hilfsarbeiterfrage ja bin ich denn hier der Leo? bekommt neuen Sinn. Das wäre doch was für Strizz: “Delegieren Sie, und bringen Sie andere dazu, für sich zu arbeiten.” - OK, liebe Leser, mir reichts. Bringt doch diesen Bilderreigen selbst zu einem guten Ende, ich -

Fazit.

Karriere nach Calmund macht, wer laut bis vorlaut auftritt. Beim Reden mit den Armen fuchtelt. Sich endlos darüber auslassen kann, was in der Firma alles faul ist. Mit einer gewissen Kunstfertigkeit andere für sich arbeiten lässt. Sich am Arbeitsplatz keinen Deut um Hierarchien schert. Dafür ungefragt den Kollegen erzählt, wie sie es am besten machen.

Karl Kraus würde sagen: Wenn Kanaillen Karrieristen beschreiben, schaut am Ende stets ein Journalist heraus.

Oben ist ein variabler Standpunkt. Bild bildet verlässlich ab, was man unten denkt, wer nach oben kommt. Die Karriere-Tipps der Bild taugen natürlich prima als vorgeschobene Rechtfertigung der Mühsamen und Beleidigten, warum sie selber keine Karriere machen. Bitte glauben Sie mir: Es ist mir keine besondere Freude zu verfolgen, wie Calmund und Tichy, die beiden nach oben Verschlagenen, ganz unten landen.

Ostrach, 10.11.2004 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com


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Bild © 2004 Gerhard Winkler, jova-nova.com
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